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Neonsurfer

Neonsurfer
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Die Familie hatte sich im Wohnzimmer versammelt. Ich, der Knirps, suchte seinen Platz unter dem Tisch. Ein Versteck, eine Piratenhöhle, mit Kissen und Decken. Das waren die Samstagabende in den frühen 1980ern, Hitparade-Zeit. Nino de Angelo sang "Jenseits von Eden" . ich hätte nicht gedacht, daß mich dieses Lied ein Leben lang verfolgt. Da gibt es die Zeile "Wenn man für Liebe bezahlen muß, nur um ein mal zärtlich zu sein, dann haben wir umsonst gelebt." Mein unerfahrenes Ich konnte damit nichts anfangen. "Warum sollte man das tun? Man gibt doch. Warum dann noch bezahlen?" Kindlich naiv ließ ich die Frage in mein Unterbewusstsein sinken. Nicht erwartend, je eine Antwort zu bekommen.

Hallo, ich nenne mich hier Neonsurfer, und bilanziere. Wer nicht weiß was das ist: Ich wäge ab, ob der finale Weg an der Zeit ist, oder nicht. Ich suche nach Zweifeln, denn mein Verstand sagt "nein", aber mein Herz schreit "ja"! Richtig, es schreit, und drängt mich gradezu.

Nein, hier schreibe ich keine langweilige Krankengeschichte. Tausend mal erzählt, tausend mal gehört. Und längst weiß ich selbst nicht mehr was geschehen ist, und was ich "ausschmücken" mußte, damit mit keiner weg schläft.
Aber ok, kurz nach den o.g. Ereignissen erhielt ich die Diagnose Morbus Crohn. Eine chronisch entzündliche Darmerkrankung (CED). Ich war grade in der Ausbildung zum Maschinenschlosser, und daher ein denkbar schlechter Zeitpunkt, sofern es den überhaupt gibt. Jedenfalls viel zu früh. Grade als ich meinen Sterne ordnen wollte, und die Welt fragte: "Was hast Du für mich?" . Die Antwort kam prompt. Schmerz, Angst, Verzicht, Rückzug, Verstecken, Vergessen . Nichts für einen jungen Geist, aber ich mußte mich fügen. Aufbegehren wurde mit Schmerzen bestraft. In meinem selbst gewähltem Gefängnis fühlte ich mich am sichersten. Aber ich wägte ab, ob mir das Wochenende mit Freunden, mehrere Tage Siechtum wert waren. Ja! Denn ich wollte leben! Ich wollte was andere hatten. Es gab Frauen und Beziehungen, die ich mir mit Blut erkaufte. Ein Raubbau, der auch nicht lange anhielt.

Nun habe ich 54 Winter gesehen, aber nur sehr wenige Sommer. Mit den Jahren wurden es immer weniger, und ich mußte mehr und mehr aufgeben was mich im Leben hielt. Nun bin ich ein Paradebeispiel meiner Krankheit. Dutzende Operationen, Amputationen, künstliche Darmausgänge, die von links nach recht wanderten. Quälende Abszesse, Blut, Eiter, sch. und Kotze wo man hin sieht. Die Krankheit hat alles weg gefressen. Mein Leben, meine Wünsche, meine Ziele. Ich kann nicht mehr. Nur noch ein Monster das niemand verletzen möchte, aber nichts anderes erfährt sobald es in die Welt sieht. Das Glück anderer tut ihm weh.

Tag ein, Tag aus sitze ich nun am PC, und schaue der Welt beim drehen zu. Ich fühle mich schwer wie Ballast den man abwerfen muß um höher zu steigen. Ich habe mich aufgelöst und existiere nur noch in einem Wunsch nach Substanz. Niemand berührt mich. Ich berühre niemand. Vor 25 Jahren lag zuletzt eine Frau neben mir. Ich möchte nur noch spüren und gespürt werden.
Ja, jetzt weiß ich genau was der Satz aus dem Lied bedeutet. Welchen Preis würde ich nicht bezahlen? Doch ich weiß, wenn ich das tue, gibt es kein Zurück. Denn das wäre der ultimative Beweis, das ich umsonst gelebt habe.

29.05.2026 x 6 #1


14 Antworten ↓

Idefix13
Jeder hat sein Scherflein zu tragen in dieser Welt.
Und da Leid nicht messbar ist, muss jeder für sich einen Weg finden, damit zurecht zu kommen.

Es tut mir leid, was du hast durchleben und leiden müssen.
Ob dein Leben einen Sinn ergibt und welchen, das obliegt alleine dir, dies zu entscheiden.

Seit meiner Kindheit, womöglich aus den Dingen die einem wiederfahren sind, die einen geprägt und geformt haben, habe ich immer alles akzeptieren müssen - bis zum Schluss, was oder mit dem man konfrontiert wird.

Wie weit am Ende du bist, kann man auch schlecht herauslesen, aber womöglich warten in den Jahren die vielleicht noch kommen, der eine oder andere erhellende Moment, womöglich sogar gepaart mit glücklichen Elementen.

Das Ende mein Freund, kommt ganz bestimmt. Habe es selbst schon gesucht und dann später fand es mich und doch bin ich noch hier. Und doch, so Hoffnungslos die Lage erscheint, gibt es doch das eine oder andere in die man zuletzt investieren kann. Nur damit der nächste Tag vergeht und ein Neuer dich dem Ende ein Stück näher bringt.

Lange Rede kurzer Sinn. Erfreue dich nach deinen Möglichkeiten an dem was dir als Leben geblieben ist und sieh mit erhobenen Hauptes den Weg entlang - auf dem du Zeit deines Lebens unterwegs bist - bis er endet.

Sorry für das Durcheinander der Texte, ist wohl der Zeit geschuldet..

x 6 #2


A


Am Ende des Weges, oder, wofür habe ich so viel gelitten?

x 3


Kruemel_68
@Neonsurfer Herzlich Willkommen hier im Forum. Eigentlich habe ich gerade nicht viel Zeit - aber ich muss gestehen, dass mir Dein Text sehr nah geht und ich zumindest für den Moment ein paar Zeilen hinterlassen möchte.

Ich finde, Du schreibst unglaublich eloquent, reflektiert und elegant. Für mich fühlt es sich so an, als wenn hinter dem kranken Körper ein hochintelligenter Geist steckt. Und es tut mir sehr leid, dass Du eine so bittere Bilanz aus Deinem Leben ziehen musst. Ich selber habe zwar keine chronische, körperliche Krankheit, sondern "nur" ein Angststörung. Aber ich kann mir gut vorstellen (und das ist bei einer psychischen Krankheit ja auch so), dass man irgendwann nicht mehr kämpfen will. Abeer letztendlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass es selbst im tiefsten Tunnel irgendwann immer wieder einen Funken gab, für den es sich zu leben lohnte.

Vielleicht gibt Dir der Austausch hier im Forum nochmal einen neuen Denkanstoß. Ich stehe Dir gern dafür zur Verfügung.

x 7 #3


boomerine
Als ich deine Zeilen heute vormittag gelesen hab, musste ich Bilanz ziehen.
Ja ich hab auch den Morbus Crohn seit gut 45 Jahren, bin auch mehrfach operiert, künstlichen Ausgang der wieder zurückversetzt wurde plus Fisteln und Abszesse.
D.h sämtliche Begleitungerscheinungen die er zu bieten hat.
Ja in der Richtung wird man zum Einzelgänger weil man nicht verstanden wird.
Bewusst oder unbewusst.
Weil man auch nicht jeden erklären will, wenn man schon wieder muss...
Zu meiner Zeit war der Crohn noch ein Fremdwort für viele.
Ich weiß es ist nicht leicht rauszugehen weil man nicht weiß wo hab ich das nächstes WC....
Medikamentös bin ich gut eingestellt, bin regelmäßig bei meinen Gastroenterologen.
Aber trotzdem der Crohn hat mich nach wie vor im Griff.

x 5 #4


Sonja77
Lieber TE
Dein Beitrag und deine Zeilen haben mich wirklich tief berührt…Ich hab mir deinen Post mehrmals durchgelesen und man spürt dein Leiden deine Hilflosigkeit und dein Kummer wirklich aus tiefstem Herzen….
Es tut mir sehr leid was du bereits alles in deinem Leben durchmachen musstest und wie sehr dich das alles belastet…

Ich kann dich auch wirklich gut verstehen und deinen enormen Leidensdruck nachvollziehen auch wenn ich selber keine chronische Darmerkrankung habe so weis ich was es heißt eine zu haben
Ich bin damit groß geworden….mein Vater hat fast sein ganzes Leben lang die schwerste Form der Colitis Ulcerosa ich weis also was es heißt wenn man vor Krämpfen und Schmerzen fast umkommt,dauernd im KH landet und man dauernd auf Klo muss und hinterher
Trigger

Die blutspritzer bis an den Wänden sind im Bad und das jahrzehntelang


Auch leiden viele andere in meiner engsten Familie am Morbus Crohn ein Cousin von mir seit seiner jungend und er wurde auch schon mehrfach operiert und bis jetzt fehlen ihm 70cm Darm….auch alle anderen wurden mehrfach operiert und haben alles durch was die Palette dieser Erkrankung mit sich bringt
Zum Glück sind alle medikamentös soweit sehr gut eingestellt und können ein gutes Leben führen trotz Erkrankung

Bitte verliere nie die Hoffnung es werden ganz sicher auch für dich bessere Zeiten kommen….einfach ist es nicht und schön reden muss man schon gar nichts…aber es lohnt sich zu kömpfen und dem Leben trotz allem noch eine Chance zu geben…
Ja du musstest sehr viel leiden in deinem Leben das ist so,aber es kann und darf auch besser werden auch wenn du vielleicht nicht mehr daran glaubst….

Ich hoffe man kann dir hier im Forum ein wenig zur Seite stehen für dich da sein dir zuhören und viele verstehen dich wirklich du bist nicht alleine wirklich nicht….

Ganz liebe Grüße Sonja

x 6 #5


Neonsurfer
Der Winter ist vorbei, die Natur erwacht. Leben wohin man schaut. Die Sonne vertreibt die letzten Schatten aus Eis. Alles öffnet seine Arme. Natur, Mensch und Tier. Samen, Pollen, Flüße aus Plasma tragen künftige Früchte in die letzten Winkel. Es ist wunderschön, und ich haße was es mit mir macht. Es weckt Erinnerungen an Wünsche und Hoffnungen. Ich ertappe mich beim Gedanken auch etwas davon wollen, es haben zu können, ohne Furcht die mich klein macht. Ohne die eingeschlagenen Nägel die meinen Körper als ungenügend, und meine Seele als zerschmettert disqualifizieren. Ich weiß was ich bin.

Vielen Dank für eure lieben Worte. Ich habe sie aufmerksam gelesen. Bedauerlich, und zugleich tröstend, dass MC/CU und CED für einige keine Unbekannten sind. Nicht mal meine eigene Familie kann nachvollziehen was ich ertrage. Aber darum geht es mir eigentlich gar nicht. Ich trage meine Narben mit Stolz. Sie zeigen das ich gekämpft, und da ich hier stehe, dass ich gewonnen habe. Doch der Preis war viel hoch.

Letztes Jahr war das schlimmste bisher. Ein Durchbruch samt Sepsis. Also einfach: der Darm ist geplatzt und der Inhalt hat mein Blut vergiftet. Wochen im Koma, und danach furchtbarste Schmerzen. Es war eine einzige Quälerei. Die Schritte der Ärzte auf dem Flur klangen wie die von Metzgern auf dem Weg zur Schlachtbank, wo das Tier mit weit aufgerissenen Augen erwartet was durch die Tür kommt. Und dabei bin ich doch Veganer. Das Schicksal macht wirklich makabere Scherze. Damals und heute frage ich mich unentwegt: Wozu? Was mache ich noch hier? - Nur damit dieses abartige Spiel weiter gehen kann? Nur für die Hoffnung, auf Erfüllung wenigstens eines Wunsches?

Ich möchte nur was jeder will. Nähe, Liebe, Vertrauen, Lachen, Freude ... für die meißten selbstverständlich, doch für einige unerreichbar wie der Mond. Es ist eine tiefschwarze Bitternis, die Erkenntnis, einer davon zu sein. Da steht nun jede Menge negatives auf der einen Seite, und die andere ist so gut wie leer. Die Song-Zeile vom Anfang läuft in Dauerschleife durch meinen Kopf. Umsonst gelebt, nur zum Zweck zu verzichten und auszuhalten. Das ist doch kein Leben.

x 8 #6


Abendschein
Lieber @Neonsurfer schön das Du zu uns ins Forum gefunden hast. Hier gibt es viele Menschen die, die Furcht/Angst klein macht und die Menschen kämpfen sich heraus. Hast Du schon einmal eine Therapie in Anspruch genommen? Mir hat das sehr geholfen, nicht alleine den ganzen Mist zu tragen. Das was man hat, kann man nicht ablegen, aber es ist gut zu wissen, daß es hier Menschen gibt, die aus dem gleichen Holz geschnitzt sind. knuddeln Trost Du bist nicht allein.

x 2 #7


Nova_Sol
@Neonsurfer ich kann mich den anderen nur anschließen. Ich empfinde die Art und Weise, wie du schreibst als unglaublich angenehm. Auch, wenn darin leider eher Trauer als etwas schönes steckt, liest man dich sehr gerne.

Schade, dass das Leben dir so übel mitgespielt hat. Hier bei uns bist du unter Gleichgesinnten und es wird ganz bestimmt auch niemand einschlafen, wenn du einfach ohne auszuschmücken von dir berichtest.

Da ist eine tiefe Trauer, eine Melancholie in dir und trotzdem lese ich auch noch den Lebenwillen, das Leben aufsaugen wollen. Wahrscheinlich ist der Fokus sehr auf der Zwischenmenschen Beziehung und das kann niemand hier ersetzen, leider..
Aber vielleicht kannst du deinem Leben anderweitig nochmal einen tieferen Sinn geben, sofern die Kraft und die Lust dafür da ist. Deinen Geist teilen und schreiben? Poesie, Geschichten etc? Einfach schreiben.. Könnte ich mir gut vorstellen, ist aber auch jetzt nur eine spontane Idee, die Liebe nicht ersetzen kann

x 3 #8


boomerine
Ich möchte das Thema und auch dich nicht untergehen lassen.
Eben weil ich weiß, was es bedeutet mit einem Crohn zu leben.
Ja es ist ein eingeschränktes Leben, vor allen Dingen wenn er aktiv in Schüben ist. Es waren kurze Schübe und Langzeitschübe.
Aber abgesehn von den Schüben immer der Gedanke, wenn man raus geht, rausgehen möchte, wo ist die nächste Toilette....
Schaffe ich es noch.....
Man erwartet Verständnis...
Immer die Erklärung abgeben,
warum schon wieder ?
Du warst doch eben....
Es geht unter
Es wird nicht verstanden
Wenn es zu oft vor kam,
war man nicht mehr dabei
Oder man zog sich selber zurück, weil man die Erklärungen satt hatte.
Der Freundeskreis reduzierte sich, langsam aber sicher.
Dem Partner wird es zuviel.....
Der Körper veränderte sich
Die Psyche spielte verrückt...
Das Wesen verändert sich...
-------
Es gibt sovieles was man noch schreiben kann.
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Heute mit 66 Jahren, 2 gescheiterten Ehen, könnt ich sagen, es geht mir gut, ich kann mit ihm umgehen.
Was er absolut nicht mag ist Stress.
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Mir steht jetzt nur noch eine Bauch
Hernien OP bevor.
Ich denke dann kann ich mein Leben noch etwas genießen.

Vielleicht brauchst du aber auch noch etwas Zeit, um ihn und das ganze drum und dran anzunehmen.

Im übrigen mein Bauch schreibt seine eigene Landkarte.

x 6 #9


Neonsurfer
Er surft durch das Netz, einsam und ohne Ziel. Die zweite Flasche läßt schon den Boden erkennen. Gedanken werden schwer, aber dafür klar. Zu aufgesetztem Verhalten und Denkweisen ist sein Gehirn nicht mehr in der Lage. Was bleibt ist das was ist. Der Kern, der Urtrieb, die Sehnsucht, das was ihn leben läßt. "Sanitäter in der Not" ... So falsch ist das gar nicht. Wobei "falsch" schon immer Auslegungssache war.
Fast zwangsläufig landet er auf Webseiten, die Fantasien für Geld anbieten. Er kennt sie schon. Er hat eine ganze Sammlung an Links. Unerschöpfliche Weiten an Fleisch und Lust tun sich dort auf. Doch er sucht nur nach einer bestimmten Person. Einem Faksimile eines Gedankens, einer Vorstellung, eines Wunsches. Eine Fantasie auf die er seine Wünsche projizieren kann. Er findet ein Video, welches er sich runter läd, und spielt es ab. Die Geschwindigkeit, reduziert auf 0,25%, und die Sättigung komplett rausgedreht, so langsam und in schwarzweiß wirkt auch so ein Film wie Kunst. Ihr lautes Atmen auf dieser Geschwindigkeit ähneln dem Gesang von Walen. Seine private Playlist läuft dazu. Mit dem Alk. ist geradezu psychedelisch. Doch was da passiert interessiert ihn nicht. Sein Körper reagiert nicht. Wozu auch, es ist nichts real. Er konzentriert sich auf ihr Gesicht, ihre Mimik, ihre Blicke und Stimme ... er liebt es sie so zu sehen. Deshalb sucht er sie immer wieder auch wenn es nur Theater ist. Natürlich weiß er das. Er läßt sich tragen und versucht sich zu erinnern wie sich ein Körper anfühlt. Die Wärme und Weichheit, seine Hände auf ihren Hüften. Ein warmer Atem der das Ohr streift. Ein Vertrauen ohne Angst. Und ein Fallenlassen in die Arme eines anderen.
Er ist ein Mensch, ein Mann aus Fleisch und Blut. Nicht nur mit Bedürfnissen, vor allem mit dem Wunsch zu geben. Die Krankheit, und das Leben damit haben ihm alles genommen und sein Wesen beschnitten. Alles was für seine Erfüllung nötig gewesen wäre. Übrig bleiben wertlose Kompromisse. Er hat erkannt, will es aber nicht wahr haben, daß niemand sein Rest-Ich haben will. Muß er wirklich bezahlen, damit jemand seine Berührungen erträgt? Ist er denn wirklich so widerlich? Er sieht sich nicht als Monster. Aber jeder, der er nahe kommen möchte, verhält sich als wäre er eins. Nur die Frau auf dem Bildschirm tut das nicht. Doch in einer Illusion kann man nicht leben. Niemand berührt, von niemand berührt, umsonst gelebt ... was trifft es besser?

x 3 #10


Neonsurfer
Erschrocken schließe ich meinen Browser, als sie plötzlich die Wohnung betritt. Sie soll nicht sehen was ich am PC machen. Ich bin froh, dass sie, wenn auch sehr wackelig, wieder gehen kann. Der Schlaganfall hat ihr die gesamte linke Seite zerschlagen. Nur zu Gehen, konnten wir mit viel Mühe dem Verfall abringen. Die Röntgenbilder zeigten einen riesigen schwarzen Bereich, doch sie kann sprechen und denken, wie ein Wunder. Ich höre noch immer meine Gebete in den Himmel. "Nimm sie mir nicht weg." Wie konnte ich ahnen, dass ich mich damit selbst verfluche? Viele Jahre später suche ich nach mir in einer Wolke aus Schuld und Einsamkeit. Aber da ist nichts mehr. Ich habe mich aufgelöst. Was meine eigene Erkrankung übrig gelassen hat, alles was ich ihr abgerungen habe, hat nun die neue Lebenssituation verschlungen.

Es gibt mich nicht mehr, und doch wache ich jeden Morgen wieder auf. Es ist verrückt. Aber ich bereue diese Entscheidung nicht. Sie lebt, sie lacht, und ich bin froh darüber. Doch der Preis dafür ist jenseits von allem was ich geben kann. Alle meine Wünsche, Träume, Bedürfnisse sind nun in der Unmöglichkeit begraben. Nein, ich lasse sie nicht sterben. Hätte ich das tun wollen, hätte ich in jener Nacht nicht den Notarzt gerufen. Aber nun, 15 Jahre später, was ist mit mir? Wo bin ich? Ich bin stehen geblieben, und die Welt ist weiter gegangen. So warte ich noch immer auf meine Zukunft, die längst vorbei ist.

Ich trinke und flüchte mich in Fantasien um der Einsamkeit zu entkommen. Es gelingt nur mäßig. Ein Bildschirm ersetzt keine Berührung. Ich rufe nach Hilfe in die Sterne. Doch niemand antwortet. Die Nacht ist ohrenbetäubend. Ich möchte ein Vogel sein, eine Eule, lautlos durch die Nacht gleitend. Frei.

x 2 #11


boomerine
Ich würde dir gerne Antworten geben, aber ich denke es sind die verkehrten.
Ich lebe auch mit meinen Crohn.
Im Moment gut.
Er gibt Ruhe.
Das die Psyche eine sehr große Rolle spielt, das brauch ich dir nicht sagen.
Auch der Stress spielt mit.
Bist du in Gastroenterologischer Behandlung ?
Hast du einen guten Psychiater der dich mit betreut ?
Aus der Einsamkeit kämpfe ich mich jetzt erst langsam raus.
Wenn ich dir einen Tipp geben darf lasse den Alk..
Ich weiß es ist nicht leicht, aber dein MC dankt es dir.

x 2 #12


Sonja77
Zitat von Neonsurfer:
Erschrocken schließe ich meinen Browser, als sie plötzlich die Wohnung betritt. Sie soll nicht sehen was ich am PC machen. Ich bin froh, dass sie, ...

Es ist wirklich unfassbar traurig und schlimm,wie sehr man in jeder einzelnen Zeile die von dir geschrieben ist dein so immenses Leiden spürt und raus lesen kann

du kämpfst mit aller Kraft und allen Mitteln die du zur Verfügung hast,aber es reicht nicht und du kommst dir vor als wärst du nicht mehr existent

die Einsamkeit,im Forum im Moment ein ganz großes Thema,was sehr viele die es selbst nicht kennen,belächeln oder nicht ernst nehmen oder als nicht so schlimm einstufen
und doch gibt es für einen Menschen wohl kaum ein Gefühl was zerstörerischer als die Einsamkeit sein kann….an dieser kann man wortwörtlich kaputt gehen und zerbrechen
und du hast recht,ein Bildschirm kann eine Berührung nicht ersetzen,auch wenn es für einen kleinen Moment vielleicht Erleichterung bringen kann
ein liebes Wort,ein festes in den Arm nehmen,ein starkes an sich randrücken,die Hand festhalten,in die Augen schauen,einfach komplett da zu sein
nein,sowas kann ein Bildschirm nicht ersetzen

Alk ist leider nie eine gute Lösung,aber das weist du selbst..

Du bist ein Kämpfer,du gibst nicht auf und kämpfst jeden Tag aufs Neue denn du bist sehr stark viel stärker als du denkst

auch ein Forum kann dir eine Berührung nicht ersetzen,aber es kann dich für einen kurzen Moment aus der Einsamkeit holen,also wann immer dir danach ist bitte schreib hier lass uns teilhaben denn hier ist immer jemand der dir zuhört und ein liebes Wort für dich hat…

Ganz liebe Grüße Sonja

x 2 #13


Abendschein
Zitat von Neonsurfer:
Mein Leben, meine Wünsche, meine Ziele. Ich kann nicht mehr. Nur noch ein Monster das niemand verletzen möchte, aber nichts anderes erfährt sobald es in die Welt sieht. Das Glück anderer tut ihm weh.

knuddeln

#14


Feuerschale
Zitat von Neonsurfer:
Ich trinke und flüchte mich in Fantasien um der Einsamkeit zu entkommen. Es gelingt nur mäßig. Ein Bildschirm ersetzt keine Berührung. Ich rufe nach Hilfe in die Sterne. Doch niemand antwortet. Die Nacht ist ohrenbetäubend. Ich möchte ein Vogel sein, eine Eule, lautlos durch die Nacht gleitend. Frei.

Ich lese hier auch seit heute mit und die Art zu schreiben ist wirklich sehr ausdrucksstark und berührt mich, ist nachvollziehbar. Vielleicht ist das Schreiben für dich ja auch eine Art Skill, um deine Gedanken und Emotionen auszudrücken...?
Zitat von Neonsurfer:
Die Song-Zeile vom Anfang läuft in Dauerschleife durch meinen Kopf. Umsonst gelebt, nur zum Zweck zu verzichten und auszuhalten. Das ist doch kein Leben.

Das liest sich irgendwie nach eher engen Glaubenssätzen....einer Bilanz, die den Fokus verengt...
Vielleicht ist es möglich das zu hinterfragen?

Sollte das Trinken schon weiter etabliert sein, ist es auch möglich, dass daraus so eine Schwarz Weiß Perspektive erwächst...Melancholie und Bitterkeit.
Zitat von Neonsurfer:
Er hat erkannt, will es aber nicht wahr haben, daß niemand sein Rest-Ich haben will. Muß er wirklich bezahlen, damit jemand seine Berührungen erträgt? Ist er denn wirklich so widerlich? Er sieht sich nicht als Monster.

Auch das liest sich nach so einem absoluten Fazit.....Und es sind Dinge im Kopf, wie die Vorwegnahme der Ablehnung der anderen, die Vorwegnahme dass andere einen nicht mögen könnten...

Das weiß man nicht, es ersetzt nicht die Erfahrung.....Menschen haben ihre eigenen Einstellungen....und auch wenn sie wie erwartet reagieren sollten, kann das vielerlei Gründe haben und nicht nur den, der im eigenen Kopf ist.

Irgendwann wird die eigene Konstruktion zu einer Art Gefängnis, Vorwegnahme, nicht Handeln,...Der Alk. verstärkt diese Art von Theater, leider....

Aber natürlich ist es nicht einfach, wenn durch Familie und Krankheit Optionen eingeschränkt sind,...und manches nüchtern auch eher schwer zu ertragen ist...ich möchte das nicht verurteilen....nur quasi sagen, dass es ggf. noch eine andere Art von Sein gibt.

x 1 #15


A


x 4






Dr. Reinhard Pichler
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