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Neonsurfer

Neonsurfer
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Die Familie hatte sich im Wohnzimmer versammelt. Ich, der Knirps, suchte seinen Platz unter dem Tisch. Ein Versteck, eine Piratenhöhle, mit Kissen und Decken. Das waren die Samstagabende in den frühen 1980ern, Hitparade-Zeit. Nino de Angelo sang "Jenseits von Eden" . ich hätte nicht gedacht, daß mich dieses Lied ein Leben lang verfolgt. Da gibt es die Zeile "Wenn man für Liebe bezahlen muß, nur um ein mal zärtlich zu sein, dann haben wir umsonst gelebt." Mein unerfahrenes Ich konnte damit nichts anfangen. "Warum sollte man das tun? Man gibt doch. Warum dann noch bezahlen?" Kindlich naiv ließ ich die Frage in mein Unterbewusstsein sinken. Nicht erwartend, je eine Antwort zu bekommen.

Hallo, ich nenne mich hier Neonsurfer, und bilanziere. Wer nicht weiß was das ist: Ich wäge ab, ob der finale Weg an der Zeit ist, oder nicht. Ich suche nach Zweifeln, denn mein Verstand sagt "nein", aber mein Herz schreit "ja"! Richtig, es schreit, und drängt mich gradezu.

Nein, hier schreibe ich keine langweilige Krankengeschichte. Tausend mal erzählt, tausend mal gehört. Und längst weiß ich selbst nicht mehr was geschehen ist, und was ich "ausschmücken" mußte, damit mit keiner weg schläft.
Aber ok, kurz nach den o.g. Ereignissen erhielt ich die Diagnose Morbus Crohn. Eine chronisch entzündliche Darmerkrankung (CED). Ich war grade in der Ausbildung zum Maschinenschlosser, und daher ein denkbar schlechter Zeitpunkt, sofern es den überhaupt gibt. Jedenfalls viel zu früh. Grade als ich meinen Sterne ordnen wollte, und die Welt fragte: "Was hast Du für mich?" . Die Antwort kam prompt. Schmerz, Angst, Verzicht, Rückzug, Verstecken, Vergessen . Nichts für einen jungen Geist, aber ich mußte mich fügen. Aufbegehren wurde mit Schmerzen bestraft. In meinem selbst gewähltem Gefängnis fühlte ich mich am sichersten. Aber ich wägte ab, ob mir das Wochenende mit Freunden, mehrere Tage Siechtum wert waren. Ja! Denn ich wollte leben! Ich wollte was andere hatten. Es gab Frauen und Beziehungen, die ich mir mit Blut erkaufte. Ein Raubbau, der auch nicht lange anhielt.

Nun habe ich 54 Winter gesehen, aber nur sehr wenige Sommer. Mit den Jahren wurden es immer weniger, und ich mußte mehr und mehr aufgeben was mich im Leben hielt. Nun bin ich ein Paradebeispiel meiner Krankheit. Dutzende Operationen, Amputationen, künstliche Darmausgänge, die von links nach recht wanderten. Quälende Abszesse, Blut, Eiter, sch. und Kotze wo man hin sieht. Die Krankheit hat alles weg gefressen. Mein Leben, meine Wünsche, meine Ziele. Ich kann nicht mehr. Nur noch ein Monster das niemand verletzen möchte, aber nichts anderes erfährt sobald es in die Welt sieht. Das Glück anderer tut ihm weh.

Tag ein, Tag aus sitze ich nun am PC, und schaue der Welt beim drehen zu. Ich fühle mich schwer wie Ballast den man abwerfen muß um höher zu steigen. Ich habe mich aufgelöst und existiere nur noch in einem Wunsch nach Substanz. Niemand berührt mich. Ich berühre niemand. Vor 25 Jahren lag zuletzt eine Frau neben mir. Ich möchte nur noch spüren und gespürt werden.
Ja, jetzt weiß ich genau was der Satz aus dem Lied bedeutet. Welchen Preis würde ich nicht bezahlen? Doch ich weiß, wenn ich das tue, gibt es kein Zurück. Denn das wäre der ultimative Beweis, das ich umsonst gelebt habe.

13.04.2026 #1


2 Antworten ↓

Idefix13
Jeder hat sein Scherflein zu tragen in dieser Welt.
Und da Leid nicht messbar ist, muss jeder für sich einen Weg finden, damit zurecht zu kommen.

Es tut mir leid, was du hast durchleben und leiden müssen.
Ob dein Leben einen Sinn ergibt und welchen, das obliegt alleine dir, dies zu entscheiden.

Seit meiner Kindheit, womöglich aus den Dingen die einem wiederfahren sind, die einen geprägt und geformt haben, habe ich immer alles akzeptieren müssen - bis zum Schluss, was oder mit dem man konfrontiert wird.

Wie weit am Ende du bist, kann man auch schlecht herauslesen, aber womöglich warten in den Jahren die vielleicht noch kommen, der eine oder andere erhellende Moment, womöglich sogar gepaart mit glücklichen Elementen.

Das Ende mein Freund, kommt ganz bestimmt. Habe es selbst schon gesucht und dann später fand es mich und doch bin ich noch hier. Und doch, so Hoffnungslos die Lage erscheint, gibt es doch das eine oder andere in die man zuletzt investieren kann. Nur damit der nächste Tag vergeht und ein Neuer dich dem Ende ein Stück näher bringt.

Lange Rede kurzer Sinn. Erfreue dich nach deinen Möglichkeiten an dem was dir als Leben geblieben ist und sieh mit erhobenen Hauptes den Weg entlang - auf dem du Zeit deines Lebens unterwegs bist - bis er endet.

Sorry für das Durcheinander der Texte, ist wohl der Zeit geschuldet..

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Kruemel_68
@Neonsurfer Herzlich Willkommen hier im Forum. Eigentlich habe ich gerade nicht viel Zeit - aber ich muss gestehen, dass mir Dein Text sehr nah geht und ich zumindest für den Moment ein paar Zeilen hinterlassen möchte.

Ich finde, Du schreibst unglaublich eloquent, reflektiert und elegant. Für mich fühlt es sich so an, als wenn hinter dem kranken Körper ein hochintelligenter Geist steckt. Und es tut mir sehr leid, dass Du eine so bittere Bilanz aus Deinem Leben ziehen musst. Ich selber habe zwar keine chronische, körperliche Krankheit, sondern "nur" ein Angststörung. Aber ich kann mir gut vorstellen (und das ist bei einer psychischen Krankheit ja auch so), dass man irgendwann nicht mehr kämpfen will. Abeer letztendlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass es selbst im tiefsten Tunnel irgendwann immer wieder einen Funken gab, für den es sich zu leben lohnte.

Vielleicht gibt Dir der Austausch hier im Forum nochmal einen neuen Denkanstoß. Ich stehe Dir gern dafür zur Verfügung.

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Dr. Reinhard Pichler
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