Hallo Vergissmein,
es tut mir sehr leid, dass es dir gerade so schlecht geht! Aber gut für dich, dass du den Weg hier ins Forum gefunden hast!
Zitat von Windy: Du bist nicht deine Gedanken! Die spielen einem immer wieder ein Theater vor, mit dem man sich nicht identifizieren muß.
Zitat von Sonja77: du bist nicht deine Erkrankung ihr seid nicht eins
Genau so ist es, diese Abgrenzung zu lernen ist ein ganz wesentlicher Teil einer guten Therapie.
Ich habe selber seit Jahren schwere Depressionen und kann deinen Schmerz daher gut nachempfinden, weiß dadurch aber auch, dass es umso wichtiger ist, eine Satelliten-Perspektive zu den depressiven Gefühlen und Gedanken einzunehmen und zu verstehen, dass man mit diesen einen Umgang finden kann. Und dass es wichtig ist, sich nicht weiter in die Dramatik hineinzudrehen, die einem von der Erkrankung suggeriert wird, sondern einen Weg zur Ent-Dramatisierung dieser verzerrten Wahrnehmung zu finden.
Deine Gedanken sind nicht die Realität, die Erkrankung spiegelt dir eine verzerrte Realität vor.
Zitat von Vergissmein: Und es stimmt mich traurig, dass mein Therapeut nicht versteht, dass das, was von mir übrig ist, einfach nur angenommen und begleitet werden will.
Das muss nicht unbedingt für einen schlechten Therapeuten sprechen. Natürlich gibt es empathielose, schlechte Therapeuten, ganz klar. Aber ganz oft verwechseln Patienten reines Trösten und tatsächliche Hilfe.
Ein guter Therapeut wird dich immer dazu anregen, Gedanken und Gefühle, die aus einer Symptomatik heraus entspringen, zu hinterfragen und dir klarzumachen, dass es an dir liegt, dich von diesen zu distanzieren, dich nicht weiter in diese hereinzudrehen und die Gedanken stattdessen zu ent-dramatisieren. Ein guter Therapeut wird dir diese Wahrnehmungs-Verzerrung vor Augen halten und dich nicht dabei unterstützen, dich in deinem Elend zu sehr einzurichten und es als unveränderbares Schicksal wahrzunehmen (denn das ist es nicht).
Manchmal mag ein solches etwas konfrontativeres Vorgehen als empathielos rüberkommen, aber das ist es oftmals nicht. Ich rede hier nicht von empathieloser "Knüppel"-Konfrontation ohne jegliches Mitgefühl, ein solches Vorgehen bringt natürlich auch nichts. Aber reine Wohlfühl-Therapie ohne jegliches Hinterfragen von Gedankenmustern wird nicht zur Veränderung dieser pathologischen Muster anregen.
Reine Wohlfühl-Therapie ohne jegliche Konfrontation ist natürlich im Moment kurzfristig angenehmer, aber langfristig wird eine solche Therapie nicht helfen, substantielle Fortschritte zu machen.
Ich habe schon viele Klinikaufenthalte hinter mir und habe über die Jahre viele Patienten kennengelernt, deren Wahrnehmung-Verzerrung nie konfrontiert worden ist, stattdessen wurde immer nur validiert und "über den Kopf gestreichelt", und verändert hat sich dadurch rein gar nichts. Viele dieser Patienten kommen immer wieder in Kliniken, immer wieder auf der Suche nach Trost und Begleitung, aber nicht mit der Bereitschaft, an sich zur arbeiten. Und sie sind ganz oft noch an genau demselben Punkt wie zu Beginn der Therapie.
Ein guter Therapeut findet die Balance zwischen Validierung und Begleitung einerseits und Konfrontation anderseits.
Und wenn ein guter Therapeut bei einem Patienten merkt, dass dieser sich gerade in seinen pathologischen Gedanken zu sehr einrichtet und ausschließlich validiert und begleitet werden will, aber keine Eigenverantwortung für Veränderung übernehmen will, wird ein guter Therapeut dem Patienten auf die eine oder andere Art und Weise verdeutlichen, dass Therapie dafür nicht gedacht ist, sondern dass Therapie dafür da ist, pathologische Gedankenmuster zu hinterfragen und aufzubrechen, sich von diesen zu distanzieren und die Wahrnehmungs-Verzerrung aufzudecken. Das mag sich manchmal hart und "ungemütlich" anfühlen,
aber ein Therapeut hat einen ganz konkreten Arbeits-Auftrag (nämlich, dich aus diesen Gedankenmustern herauszuholen), er ist dafür da, dir therapeutisch weiterzuhelfen, aber therapeutische Hilfe fühlt sich nicht immer angenehm an, Therapie ist keine reine Seelsorge. Das bedeutet aber deshalb nicht, dass sie nicht hilft.
Wie gesagt, die Balance muss stimmen, ganz klar.
Depressionen sind kein unveränderteres Schicksal. Wie gesagt, ich habe selber seit Jahren schwere Depressionen und weiß sehr genau, wie dunkel und unabänderbar sich dieses schwarze Meer oftmals anfühlt.
Aber ich habe durch Therapeuten, die sich die Mühe gemacht haben, mich gegen all meine Widerstände zu konfrontieren und mir zu zeigen, wie ich einen anderen Umgang mit meiner Erkrankung finden kann, gelernt,
dass nicht alle tage gleich schwarz sind und dass ich eben nicht meine Erkrankung bin, dass ich mich distanzieren kann und dass es Mittel und Wege gibt, nicht in diesem schwarzen Meer zu ertrinken.