Zitat von Lizzy_Lizz: Ich finde es ziemlich gut, dass er es mir erzählt. Natürlich wäre es besser gewesen wenn er es nicht erst nach 9 Jahren gemacht hätte… aber irgendwie ist es für mich jetzt auch ein Zeichen, dass er sich eine ehrlichere Beziehung wünscht? Mehr Tiefe? Das sagt er mir zumindest.
Angeblich macht er (deswegen) nun Psychotherapie? Ehrlichkeit ist eine generell sehr wirkmächtige Angelegenheit, die mitunter anstrengend sein kann - für alle Beteiligten

. Wieviel Ehrlichkeit "bin" ich (wirklich!)? Wieviel Ehrlichkeit vertrage ich und mein soziales Umfeld. Ein weites, sehr spannendes Thema.
Und Ehrlichkeit bzw. Aufrichtigkeit spielt auch in den Bereich der Zwangsgedanken und -handlungen mit rein. Aus meiner Erfahrung mit Zwanghaftigkeit haben Zwänge sehr oft den Zweck, mit eigentlichen (!) Aufgaben im Leben zurechtzukommen. Man etabliert Zwänge (unbewusst!), um sie anstelle anderer (eigentlicher) Themen behandeln zu können. Leider werden sie dann irgendwann zum Selbstzweck und die ursprüngliche Thematik dadurch verdeckt.
Wenn wir also Zwänge behandeln, sollten wir stets parallel nach dem ehemals auslösenden Thema suchen und dieses angehen:
Zitat von Lizzy_Lizz: Aber diese Beziehungssache bringt mich total an meine Grenzen.
Ich werde auf jeden Fall versuchen das ganze als Zwangsthema zu betrachten.
Probiere mal, das Thema "Beziehung" als (eventuelle)
generelle Metapher für Deine Zwangsneigung zu sehen. Prüfe, ob Du bei Beziehungen grundsätzlich irgendein Problem hast, das Du nie wirklich verarbeiten konntest und stattdessen die Zwänge entwickelt hast. Bedenke dabei, dass Zwänge meistens bereits in jungen Jahren als "Krücke" für vermeintlich unlösbare Situationen etabliert werden.
Zitat von Lizzy_Lizz: Vielleicht ist es einfach die Tatsache, dass er in der Lage war es 9 Jahre zu verbergen. Oder dass ich denke ich sei zu schwach so etwas zu vergeben mit dem Zwang.
Beides klingt logisch und möglich. Letzteres ist ein typisches Beispiel für den "Nutzen" bzw. die "Funktion" der Zwänge: Man lässt
sie die Regie übernehmen (= man fühlt sich zu schwach, ihnen zu widerstehen) und ist gefühlt irgendwie "raus aus der Sache"...

Versuche mal, Betrug bzw. Seitensprung etwas anders zu sehen: Lass
Dich (als Betrogene) mal außen vor und sehe das Ganze aus der Sicht Deines Partners. Akzeptiere, dass es dazu kommen kann, jemanden kennenzulernen, der einen absolut überwältigt und man in dieser Situation "schwach" wird.
Was sagt uns das? Es zeigt uns, dass
nirgends und niemals absolute Sicherheit existiert. Und dies gilt nicht nur in Beziehungen, sondern generell im Leben.
Zitat von Lizzy_Lizz: Wenn ich meine Zwänge runterbreche, ist es die Angst vor ewigem Leid.
Wenn man mal verstanden hat, dass
Leid dem Dasein generell anhaftet, geht man entspannter mit schwierigen Situationen um. Es geht nicht darum, Leid zu mindern und Freude zu vermehren sondern darum, das Prinzip des Leidens zu verstehen.