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Hallo an alle,

ich hatte Februar dieses Jahres einen kleinen Auffahrunfall mit dem Auto. Es war nur Blechschaden, also nichts schlimmes passiert.
Danach finge ich an mich mit DER PERFEKTEN, richtigen Sitzposition zu beschäftigen. Wahnsinnig viel gelesen, Videos gesehen und recherchiert nur um schlussendlich festzustellen dass ich mit keiner eingestellten Sitzposition richtig zufrieden bin.
Irgendwie entwickelte sich dann daraus eine kleine Zwangsstörung wo ich dann bei jeder Einstellung gewisse Kontrollrituale durchführte, die auch annähernd passten, aber eben nicht perfekt. Dazu kam dann irgendwann die Angst einen Unfall zu bauen, wenn ich nicht „richtig“ sitze.

Jetzt nach bereits mehreren Monaten bin ich total frustriert, vor allem weil es die letzten zwei Wochen besser war, musste jedoch in die Werkstatt und natürlich war der Sitz komplett verstellt. Jetzt fängt das ganze quasi wieder von vorne an. Ich habe auch versucht mir „Markierungen“ zu machen, bin mir aber trotzdem nicht sicher ob ich jetzt aktuell wieder so sitze wie vorher.
Ich fühle mich schon so dämlich dieses Thema auch gegenüber meinen Mitmenschen so aufzublasen. Viele sagen dass passt schon so, aber während der Fahrt kommen dann Unsicherheiten und auch Schmerzen wenn ich augenscheinlich wirklich zu nah und aufrecht sitze. Wenn ich bequem sitze, habe ich das Gefühl oder bilde ich mir ein zu weit weg zu sein und nicht die perfekte Kontrolle über das Auto zu haben. Ich finde da einfach keinen Mittelweg.

Kurz zu mir: Angst und Depression wurde bereits 2014 diagnostiziert, bin seitdem immer wieder wegen verschiedensten Themen in Therapie. Auch aktuell.

Ich weiß nicht ganz was ich mir hier jetzt erwarte, eventuell guten Zuspruch, oder vielleicht hatte ja mal wer das gleiche Problem und kann Tipps geben?

13.07.2025 19:50 • 29.08.2025 x 1 #1


Ich habe einen Waschzwang und mir hat eine kognitive Verhaltenstherapie sehr geholfen. Daher kann ich dir das nur empfehlen.

A


Angststörung/Zwangsstörung Autositz

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@Rising-Phoenix
Hey, ich kann total verstehen, wie belastend das sein muss. Und ehrlich gesagt finde ich es überhaupt nicht “dämlich”, dass dich dieses Thema so beschäftigt. Gerade wenn man schon mit Angst und Zwang zu tun hat, kann sich so ein scheinbar kleines Ereignis wie ein verstellter Autositz total verselbstständigen. Es geht ja gar nicht nur um den Sitz, es geht um das Gefühl von Sicherheit und Kontrolle, das durch den Unfall erschüttert wurde. Und dass dein Kopf jetzt versucht, durch “Perfektion” wieder Kontrolle herzustellen, ist eine total typische Reaktion bei Zwängen.

Vielleicht kann eine kleine Übung helfen.. Wenn du im Auto sitzt und Unsicherheit spürst, versuch mal nicht sofort dagegen zu arbeiten, sondern kurz durchzuatmen und zu registrieren: „Ah, da ist wieder diese Angst.“ Ohne sofort etwas verändern zu müssen. Das kann helfen, langfristig aus dem Kontrollkreislauf rauszukommen, auch wenns erstmal schwer ist.

@Juli84
Eine Verhaltenstherapie mach ich tatsächlich bereits, danke für den Ratschlag.

Ich glaube ich bin einfach schon so genervt und ungeduldig. Ich bin immer wahnsinnig gerne Auto gefahren, oft war es sogar mein einziger Antrieb um morgens in die Arbeit zu gehen. Und das ist halt jetzt seit Monaten nicht so.

Willkommen @Rising-Phoenix ,

ein klassisches Zwangsritual hast Du da etabliert - Respekt . Es gibt nach meiner Erfahrung zwei Hauptvorgehensweisen bei der Beseitigung von Zwangshandlungen. 1. Mit Gewalt. 2. Mit Köpfchen.

Die Variante 1 ist das, was augenscheinlich naheliegt - nämlich, die Zwangshandlung stur zu unterlassen. Es gibt Zwängler, die es tatsächlich geschafft haben, den Zwang auszutrocknen, indem sie ihm über längere Zeit nicht mehr nachgaben. Ich vergleiche das gerne mit einem Süchtler, der sich per Gelübde auferlegt, das Suchtmittel nicht mehr zu konsumieren. Ich nenne diese Variante auch die körperliche (weil sichtbare) Variante.

Die Variante 2 ist der weite Bereich der geistigen Beschäftigung mit Zwangslogik im Allgemeinen und Deiner Zwangslogik im Speziellen. Ich persönlich finde den Einstieg über die letztere, also die individuell entwickelte Logik am interessantesten und deshalb auch am effektivsten. Sie bietet überdies die Möglichkeit, auch über andere (idR damit zusammenarbeitende) psychische Aspekte viel zu lernen. In Summe hat m. E. jeglicher Zwang und jede Sucht das Potenzial, sich besser zu verstehen.

Zitat von Rising-Phoenix:
Irgendwie entwickelte sich dann daraus eine kleine Zwangsstörung wo ich dann bei jeder Einstellung gewisse Kontrollrituale durchführte, die auch annähernd passten, aber eben nicht perfekt. Dazu kam dann irgendwann die Angst einen Unfall zu bauen, wenn ich nicht „richtig“ sitze.

Es gehört zu einem funktionierenden Zwangskreislauf unabdingbar dazu, dass es nie perfekt passen kann! Obwohl man sich wünscht, dass es (endlich) passt (und man somit die Angst vor den vermeintlichen Unfallfolgen zumindest vorübergehend einhegen kann), gibt es einen tieferliegenden, idR unbewussten Teil unserer Persönlichkeit, die nicht (!) will, dass es passt. Diesen auf den ersten Blick unlogischen Widerspruch sollte man in Ruhe erwägen und v. a. nicht von vornherein ausschließen. Wir sollten dabei bedenken, dass wir es sind, die einen Zwang ausbilden. Und dass wir ihn ausbilden, hat Ursachen. Diese Ursachen müssen übrigens gar nicht dramatisch sein aber es gilt, sie erstmal in Erwägung zu ziehen und sie sich in der Folge nach und nach sich zeigen zu lassen.

Einsichten (in uns selbst) kann man selten erzwingen. Sie ergeben sich idR dann, wenn man sich traut, vermeintliche Sicherheiten bzgl. unseres Selbstbildes mal infrage zu stellen. Wir sind nämlich nicht verlässlich so oder so - nein, wir sind ein über lange Lebenszeit (hin)(ein)gebildetes geistiges Konstrukt.
Zitat von Rising-Phoenix:
Ich fühle mich schon so dämlich dieses Thema auch gegenüber meinen Mitmenschen so aufzublasen.

Du erkennst diesen Zwang als Deine Schwäche und es ist Dir deshalb peinlich. Es ergibt m. E. auch wenig Sinn, eine Zwangshandlung rein inhaltlich (!) für andere zu erklären. Sie können es nicht verstehen. Das macht einen Zwängler jedoch nicht zu einem Idiot oder Freak und den Nichtzwängler nicht zu einem normalen Menschen. Der Zwang ist lediglich ein geistiger Aspekt, der dem Nichtzwängler fehlt. Letzterer hat übrigens idR seine speziellen geistigen Mechanismen entwickelt um mit dem Leben irgendwie klarzukommen. Ob ihn seine Varianten langfristig gut durch´s Leben bringen, steht auf einem anderen Blatt.
Zitat von Rising-Phoenix:
Ich bin immer wahnsinnig gerne Auto gefahren, oft war es sogar mein einziger Antrieb um morgens in die Arbeit zu gehen.

Das ist etwas, was ich mir an Deiner Stelle näher anschauen würde. (*)
Zitat von Rising-Phoenix:
Kurz zu mir: Angst und Depression wurde bereits 2014 diagnostiziert, bin seitdem immer wieder wegen verschiedensten Themen in Therapie. Auch aktuell.

Wohlan - hier gibt es sicherlich Überschneidungen. Die Bereiche Zwänge, Süchte, Ängste und Depressionen sind auch bei mir relevant und beschäftigen mich im Grunde seit meiner frühen Jugend. Vieles konnte ich (auf)lösen, manches ist noch in Arbeit .
Zitat von Coco9:
Wenn du im Auto sitzt und Unsicherheit spürst, versuch mal nicht sofort dagegen zu arbeiten, sondern kurz durchzuatmen und zu registrieren: „Ah, da ist wieder diese Angst.“ Ohne sofort etwas verändern zu müssen.

Das ist ein - vielleicht banal klingender, aber m. E. äußerst effizienter - Praxistipp. Die Akzeptanz einer Zwangsstörung kann ihr mittelfristig viel Energie nehmen. Es ist allerdings darauf zu achten, diese Bewusstwerdung nicht in das Zwangsritual zu integrieren. Nahezu alle Rituale haben die Eigenheit, sich auszuweiten und das gilt nicht nur für (sichtbare) Handlungen sondern auch für damit verbundene geistige Tätigkeiten (= Zwangsgedanken).

(*) Hier vielleicht als lockerer Einstieg:
spezifische-phobien-f55/zwang-auto-zu-fahren-t111880.html

@moo
Vielen Dank für deine ausführliche Antwort, momentan habe ich mich gerade in die Arbeit gekämpft. (Montags ist es immer besonders schlimm) Daher werd ich wahrscheinlich erst am Abend deine Antwort richtig durchlesen können. Aber gleich vorweg (ohne dass ich mir deinen Link angeschaut habe) einen Zwang zum Autofahren hatte ich glaube ich nie. Ich bin tatsächlich sehr, sehr gerne Auto gefahren. Aber nie den Gedanken dass ich muss.

Hatte jetzt in der Früh auch eine Panikattacke, es ist so frustrierend, die letzte ist gefühlt Jahre her…

Das klingt echt krass, aber hast du mal Konfrontationstherapie versucht oder Kognitive Verhaltenstherapie?
Das ist meist ein guter Weg um das anzugehen, ansonsten arbeite doch mit deinem Therapeuten an Reellen Szenarien daran, weil wer sagt das Therapie immer in einem Raum stattfinden muss?

Ich hoffe es bringt dich ein bisschen weiter.

LG
Tobi aka. MalerWanne

Zitat von Rising-Phoenix:
einen Zwang zum Autofahren hatte ich glaube ich nie. Ich bin tatsächlich sehr, sehr gerne Auto gefahren. Aber nie den Gedanken dass ich muss.

Darum geht´s in dem verlinkten Thread tatsächlich auch gar nicht. Der Titel war vom Themeneröffner wohl nicht ideal gewählt. Mir ging es auch gar nicht konkret um das Thema Auto sondern die möglichen Verquickungen mit dem dort beschriebenen Ritual. Dass es sich hierbei auch um´s Auto dreht ist Zufall.
Zitat von Rising-Phoenix:
Hatte jetzt in der Früh auch eine Panikattacke, es ist so frustrierend, die letzte ist gefühlt Jahre her…

Das wäre jetzt nicht verwunderlich. Mit dem Thread hier im Forum fokussierst Du das Thema für Dich auf einer anderen (vielleicht bislang unerfahrenen?) Ebene. Das kann erstmal zu einer vorübergehenden Zuspitzung führen. Kein Grund zur Sorge.

Zitat von Rising-Phoenix:
DER PERFEKTEN


Nun, wenn man perfekt ist, dann hat man (vermeintlich) alles im Griff. Dann kann nix mehr passieren......

Durch eigene Erfahrung kann ich dir empfehlen, dass man sich mit dem Hintergrund seiner Störung beschäftigt, da man sich da mit der Ursache allem Übels befasst und mit der Zeit besser mit allem umgehen kann.

Ich sag mal so, Angstpatienten haben irgendein Defizit, was vielleicht das Urvertrauen betrifft. Und Lebensumstände können da auf Dauer dafür sorgen, dass unser Gehirn komische Ideen entwickelt, damit man sich sicherer fühlt.

Die innere Sicherheit fehlt nämlich, und deswegen der ganze Stress, die Angst und weiss der Geier, was man sich sonst noch so einfängt.

Gleichzeitig sind die Symtome so heftig, dass man mehr oder weniger das Augenmerk nur darauf konzentriert, anstatt zu denken: Upps, was ist denn jetzt gerade los, warum geht es mir mal wieder! so schlecht und was ist eigentlich der wahre Grund für mein Empfinden?

Ich interpretiere mal deinen Unfall:

Da wurde deine Urangst (ich bin nicht sicher) total getriggert, dass du dir deine Zwangsstörung zulegen musstest.

Wenn der Sitz die richtige Position hat, bin ich sicher .
Und komischerweise fühlt es sich ja dann auch so an.

Aber im Ernst- was hat der Sitz damit zu tun, was im Aussen auf dich lauern könnte?

Diese ganze Angstgedöhns, ist wirklich hochkompliziert und erfordert viel Denkarbeit, da wir alle dazu neigen, in alte Muster zu verfallen, wenn es uns eine Weile gut gegangen ist.

Insofern schadet es nicht, wenn man sich mal streng analysiert und erkennt, wessen Geistes Kind man ist und warum man die Ängste eigentlich hat.

Und verzweifle nicht, erkenne lieber, dass du in schwierigen Momenten dazu neigst, dank deiner Intelligenz, Techniken zu kreieren, um den Druck abzubauen. Sport wäre da vielleicht auch noch ein Tipp.

Ansonsten, wie gesagt, gibt es unterschiedliche Herangehensweisen, die jeder für sich entdecken muss.

Meine ist die der Ursache-Wirkung.

Und deswegen ist das Forum ja so interessant, da dir die verschiedensten Möglichkeiten aufgezeigt werden.

Also ich bin begeistert wieviel Eindrücke ich hier jetzt schon erfahren durfte. Ich werde mir das nochmal alles in Ruhe durch den Kopf gehen lassen.
Momentan habe ich mich krank schreiben lassen, ein wenig widerwillig, da ich aus Erfahrung weiß, wenn ich meine tägliche Routine (Arbeit, etc.) nicht habe, das ganze nicht unbedingt förderlich ist.
Aber die Panikattacke heute früh hat mich körperlich echt fertig gemacht. Ich glaub ich schlaf jetzt mal einen Tag durch.

Um auf das Auto Thema noch näher einzugehen. Voriges Jahr um diese Zeit hatte ich noch eine große Limousine wo ich sehr bequem saß und mir nur selten Gedanken um die Sitzposition gemacht habe. Da mir dieses Auto dann aber immer wieder horrende Reparaturen einheimste, zog ich einen Schlussstrich und habe beschlossen mir einen Neuwagen zuzulegen damit ich keinerlei Probleme mehr habe. (Ich war zu dem Zeitpunkt auch echt am Verzweifeln)
Damit ich mir aber einen Neuwagen halbwegs leisten konnte, musste oder wollte ich einen Kleinwagen kaufen. Macht ja auch mehr Sinn, zu 90% sitz ich alleine im Auto.
Eine gewisse Umgewöhnung war mir klar aber machte mir da keine großen Gedanken. Also Auto Probe gefahren, für gut befunden und gekauft.
Bekommen habe ich ihn im November. Da hatte ich schon immer wieder gemerkt dass ich nicht richtig toll sitze. Mal zwickte es da, mal war das ungewohnt usw.
Ich meine aber zu behaupten dass ich mich so mitte Jänner fast daran gewöhnt hatte. Und dann kam eben der Unfall im Februar…
Ich hatte also auch noch nicht wirklich Zeit ein „Vertrauen“ bzw. eine Bindung? mit dem Auto aufzubauen.

Ich hatte jetzt endlich Zeit und Kraft um näher auf eure Antworten einzugehen.

@moo
Zitat von moo:
Obwohl man sich wünscht, dass es (endlich) passt (und man somit die Angst vor den vermeintlichen Unfallfolgen zumindest vorübergehend einhegen kann), gibt es einen tieferliegenden, idR unbewussten Teil unserer Persönlichkeit, die nicht (!) will, dass es passt.

Meinst du damit dass ein Teil von mir will dass ich immer wieder grüble und Dinge suche die nicht perfekt sind um daran was zu verbessern? Das ist mir tatsächlich auch schon ein paar Mal aufgefallen, sei es so banale Dinge wie das Bild vom Fernseher perfekt einstellen. Ich hab das halt als Perfektionismus abgetan. Sind das dann Auch Anflüge von Zwängen?

Und den Thread den du verlinkt hast habe ich durchgelesen und soweit verstanden dass dieser Fall ähnlich dem meinen ist? Ich habe in den letzten Wochen 2 Bücher über Zwangsstörungen gelesen und da waren halt die typischen Zwänge beschrieben. Schon auch Untergruppen davon, aber anscheinend sind Zwangsstörungen mindestens ähnlich komplex wie Angststörungen. Bei mir konkret vermischen sich glaub ich diese beiden auch sehr gerne.

@Icefalki
Zitat von Icefalki:
Durch eigene Erfahrung kann ich dir empfehlen, dass man sich mit dem Hintergrund seiner Störung beschäftigt, da man sich da mit der Ursache allem Übels befasst und mit der Zeit besser mit allem umgehen kann.

Mir kommt halt auch vor, je mehr ich mich mit dem Thema auseinandersetze, geb ich halt sehr viel Fokus darauf. Und das hat mir mal eine Therapeutin gesagt, wenn es mir aktuell so schlecht geht ist es vielleicht nicht hilfreich sich so zu dem Thema zu belesen sondern es einfach ruhen und los zulassen. Aber andererseits will ich ja das es besser wird und ich lerne damit umzugehen.
Wenn ich warte bis es mir wieder besser geht, habe ich einerseits wieder viel davon vergessen, bzw. sehe ich das in einem ganz anderen Licht und meistens hab ich dann irgendeine andere Baustelle woran ich zu knabbern habe.

Zitat von Icefalki:
Da wurde deine Urangst (ich bin nicht sicher) total getriggert, dass du dir deine Zwangsstörung zulegen musstest.

Das stimmt ganz sicher, ist auch in der Vergangenheit mehrmals passiert mit unterschiedlichen Themen. Wahrscheinlich auch mit leichten Zwängen. Das hatte ich damals noch nicht auf den Schirm.


Was ich auch noch erwähnen sollte, ich nehme eigentlich seit 2014 mehr oder weniger regelmäßig das Medikament Venlafab. Gestern war ich bei meiner Psychiaterin und die hat mir empfohlen es zu erhöhen.
Wobei ich hier aber noch abwarten möchte, da mir vor einem Monat ein erheblicher Vitamin B12 Mangel diagnostiziert wurde. (Wegen teilweiser, veganer Ernährung) Diesen hatte ich auch schon vor einem Jahr und nahm da dann Tabletten dafür. Jetzt meinte der Arzt aber es könnte sein dass ich diese vielleicht nicht absorbieren könnte (da gibt es anscheinend irgend so eine Immunkrankheit) und das vielleicht auch Mitschuld an meiner aktuellen Lage hat. Ergebnis sollte in den nächsten Tagen da sein, schau ma mal.

Zitat von Rising-Phoenix:
Meinst du damit dass ein Teil von mir will dass ich immer wieder grüble und Dinge suche die nicht perfekt sind um daran was zu verbessern?

Exakt.
Zitat:
Das ist mir tatsächlich auch schon ein paar Mal aufgefallen, sei es so banale Dinge wie das Bild vom Fernseher perfekt einstellen. Ich hab das halt als Perfektionismus abgetan. Sind das dann auch Anflüge von Zwängen?

Ja, meine ich schon. Denn Perfektionismus selber schließt per se das immerwährende Scheitern mit ein. Das Grundprinzip ist also dasselbe. Die Ausprägung in Form von Zwangshandlungen ist jedoch idR offensichtlicher. Zudem profitiert der sogenannte Perfektionismus von seiner gesellschaftlichen Akzeptanz (ebenso wie sich Burnout besser anhört als Erschöpfungsdepression) im Gegensatz zur sogenannten Zwangsstörung.
Zitat:
... anscheinend sind Zwangsstörungen mindestens ähnlich komplex wie Angststörungen. Bei mir konkret vermischen sich glaub ich diese beiden auch sehr gerne.

Ich bin überzeugt dass beide Störungen (und noch mehrere) ineinandergreifen. Und ich sehe beides als Symptome und nicht als Krankheiten an.
Zitat von Rising-Phoenix:
Mir kommt halt auch vor, je mehr ich mich mit dem Thema auseinandersetze, geb ich halt sehr viel Fokus darauf. Und das hat mir mal eine Therapeutin gesagt, wenn es mir aktuell so schlecht geht ist es vielleicht nicht hilfreich sich so zu dem Thema zu belesen sondern es einfach ruhen und los zulassen. Aber andererseits will ich ja das es besser wird und ich lerne damit umzugehen.
Wenn ich warte bis es mir wieder besser geht, habe ich einerseits wieder viel davon vergessen, bzw. sehe ich das in einem ganz anderen Licht und meistens hab ich dann irgendeine andere Baustelle woran ich zu knabbern habe.

Nach meinem Empfinden sollte man die Beschäftigung damit in guten Zeiten erhöhen und in schlechten Zeiten runterfahren. Wichtig ist, echtes Interesse für die Ursachen zu entwickeln, weniger die Abneigung gegen die Zwänge.

Wie soll ich aktuell am besten weiter vorgehen? Momentan ist der Autositz so eingestellt dass ich mich sicher fühle, es aber eher unbequem ist. Soll ich mich nun einfach daran gewöhnen oder sollte ich nach einiger Zeit wenn es mir noch immer zu unbequem ist den Sitz weiter nach hinten stellen mit der Konsequenz dass ich mich dann unsicher und zu weit weg vom Lenkrad fühle und das dann akzeptieren muss?
Morgen geh ich wieder arbeiten und hoffe dass die nächsten Wochen auch die erhöhten Medis ihren Teil dazu beitragen und ich gelassener werde.

@Rising-Phoenix
Was ist dir denn wichtiger? Sicherheit oder Bequemlichkeit?

@Coco9
Eigentlich beides
Ich glaube aktuell ist mir Sicherheit wichtiger.

@Rising-Phoenix Dann Versuch dich Tag für Tag an die neue Sitzposition zu gewöhnen (: morgen steigst du ins Auto und sagst dir “das ist der erste Tag in der Position, die Fahrt schaffe ich”. Übermorgen fühlst du in dich rein und denkst daran wie gut es am Tag davor geklappt hat. Falls dich die Position doch irgendwann verunsichert atmest du 3 mal tief ein und aus und lässt dir Zeit bevor du irgendwas wieder veränderst. Und falls es irgendwann gar nicht mehr geht, dann stellst du den Sitz um und schaust mit der neuen Position wieder von Tag zu Tag. Dadurch könntest du Erfolgserlebnisse verspüren, in dem du eine neue Sitzposition immer wieder länger aushältst als die zuvor (:

Ich hab mich jetzt gut zwei Wochen mit der „Sicherheits“ Position herumgequält bis mein Rücken rebelliert hat. Es ist einfach zu unbequem, ich bekomme Schmerzen, fühle mich eingeengt. Dann hab ich gestern den Mut gefasst und die Lehne wieder ein wenig nach hinten verstellt. Und WOW, es fühlte sich zwar nicht perfekt, aber bequem und einigermaßen sicher an. Dachte mir das ist es!
Nun…
Heute schon leicht nervös ins Auto gestiegen und zack, sofort wieder das unsichere Gefühl da, am liebsten hätte ich die Lehne wieder nach vorne gestellt. (Hab ich aber noch nicht gemacht)
Bin dann ein gutes Stück gefahren, sehr angespannt (also innerlich), extrem auf den anderen Verkehr geachtet, und dann schwitzend ausgestiegen.
Es ist so frustrierend
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Zitat von Rising-Phoenix:
Momentan ist der Autositz so eingestellt dass ich mich sicher fühle, es aber eher unbequem ist.

Das ist der springende Punkt. Die Zwangslogik besteht darin, einen letztendlich unlösbaren Konflikt aufrechtzuerhalten.
So lange Du da nicht dahinterblickst, bleibst Du im Kreislauf gefangen.

Den Kreislauf zu durchbrechen klingt logisch, aber die Angstgefühle sind mittlerweile so stark, dass ich morgens in Tränen ausbreche, mich trotzdem überwinde, in die Arbeit fahre, nur um dort körperlich völlig geschlaucht und konzentrationslos zu sein.
Laut meiner Psychiaterin kann die Verstärkung der Gefühle durchaus vom erhöhen der Venlafab Dosis kommen. Und ich muss abwarten…

Ich hoffe es einfach so sehr dass es bald besser wird, ich weiß dass jegliches Vermeidungsverhalten schlecht ist, aber momentan kann ich körperlich einfach nicht anders.
Hinzu kommt dass es bei mir im privaten Bereich auch noch andere Stressfaktoren gibt die mich sehr belasten. Auch die Arbeit an sich stresst mich glaub ich doch mehr als ich zugeben mag. Ich glaube das ganze Auto/Unfallthema war „nur“ der Auslöser und hat mir einen riesigen Rückfall von meiner Angststörung beschert.

Es ist echt zum verzweifeln, so ging es mir zuletzt vor 10 Jahren.

Zitat von Rising-Phoenix:
Hinzu kommt dass es bei mir im privaten Bereich auch noch andere Stressfaktoren gibt die mich sehr belasten. Auch die Arbeit an sich stresst mich glaub ich doch mehr als ich zugeben mag. Ich glaube das ganze Auto/Unfallthema war „nur“ der Auslöser und hat mir einen riesigen Rückfall von meiner Angststörung beschert.

Ich würde es nicht als Rückfall begreifen sondern als neues Gewand eines alten Themas. In Zwänglerkreisen hat dieses alte Thema sehr oft mit Schuld(gefühlen) zu tun. Auch bei Süchten und Perfektionismusdrängen steckt in vielen Fällen Angst vor einer stets latend drohenden Verurteilung dahinter. Und da ist es natürlich naheliegend, den Ursprung in der Kindheit und Jugend und in der Folge im Elternhaus, in der Schule, im Kindergarten etc. zu suchen.

Viele Therapeuten glauben, dass dieses eigentliche Thema gesucht und aufgedeckt werden muss. Ich bin aus eigener Erfahrung derselben Ansicht. Verhaltenstherapie berücksichtigt diesen Ansatz idR nicht, was ich persönlich schade finde. Die Verhaltenstherapie, wie sie z. B. in Kliniken quasi flächendeckend praktiziert wird, hat m. E. wenig Aussicht auf dauerhafte (!) Heilung. Denn eine wirkmächtige Heilung kann m. E. nur durch das Durchschauen und Verstehen der Zwangsstruktur und der Entstehung (= Warum?) derselben erfolgen.

Man darf nie vergessen, dass man letztlich niemals Opfer eines Zwangs(kreislaufes) ist sondern dessen Schöpfer. Es ist aber kein offensichtlich tätiger Vorgang sondern ein perspektivischer. In der Verhaltenstherapie wird versucht, die Perspektive zu ändern indem man an der Wahrnehmung arbeitet: Man hinterfragt Wahrnehmungsmuster und die daraus entstandenen Denk- und Verhaltensreaktionen. Der Ablauf Sinneskontakt-Gefühl-Wahrnehmung-Reaktion mündet im entstehen des Bewusstseins (= ich bin). Und dieses Ich besteht letzten Endes ausschließlich aus Überzeugungen, Ansichten, Meinungen, Lebenseinstellungen - und - Glaubenssätzen.

Ein Zwang ist im Grunde nichts anderes als ein materialisierter Glaubenssatz. Seine bewusste Erlebbarkeit jedoch lässt ihn übermächtig erscheinen. Das gilt für Betroffene wie auch (wenn fortschreitend) für das soziale Umfeld (z. B. in Form des Händewaschens, nicht um die Ecke gehen können, 3x den Lichtschalter betätigen etc.).

Je nach Ausprägung und Charakter des jeweiligen Zwangs halte ich das strikte Unterlassen der Zwangshandlung für einen idR sehr wichtigen (weil dramatisierenden) ersten Schritt. Erst hier zeigt sich der immens körperlich spürbare geistige Konflikt im vollen Ausmaß. Die Materialisierung eines geistigen Problems wird so bewusst erlebt. Dieser Punkt ist insofern wesentlich, da er ganz klar in Richtung Ursprung zeigt. Eine wirk-liche Lösung muss also quellenorientiert sein. Die Frage muss lauten: Wo kommt´s her? und nicht Wie kann ich mein Leben wieder leidfrei weiterführen?.

In meinem Zwangs- und Suchtverhalten konnte ich eine Neigung zum generell vorhandenen Schuldgefühl aufdecken. Dies hatte nicht unerheblich mit meiner katholisch geprägten Erziehung zu tun. Erst kurz vor dem Tod meiner Eltern erfuhr ich zudem von deren äußerst belastenden Elternhäusern. Meine Mutter wurde z. B. bis zu ihrem 14. Lebensjahr von ihrem Vater sexuell missbraucht und mein Vater war das unbenötigte und ergo ungeliebte fünfte Kind in einer ebenfalls erzkatholischen Familie. Seine Schulzeit verbrachte er viele Jahre in einem katholischen Internat in Mindelheim, welches später auch im Zuge der eckigen Tische zweifelhafte Berühmtheit erlangte... Man kann sich hier die Ausprägung der sexuellen Kontakte zwischen meinen Eltern also ungefähr vorstellen. Dies nur als kleiner Exkurs, in welche Gefilde die Beschäftigung mit Zwängen und Süchten führen kann.

Abschließend will ich sagen: Jeder Zwang steht für etwas, das nicht bearbeitet wurde. Anstelle der Zwangshandlung sollte m. E. etwas anderes getan, erledigt, aufgedeckt, angegangen werden. Jeder Zwang ist eine Flucht vor einer letztendlichen Verantwortung. Und jede Verantwortung beinhaltet die Antwort auf eine sehr persönliche (Lebens- bzw. Lebensführungs-)Frage.

Schau also nicht auf die Sitzstellung sondern auf den, der draufsitzt

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Mira Weyer
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