Willkommen @Rising-Phoenix ,
ein klassisches Zwangsritual hast Du da etabliert - Respekt . Es gibt nach meiner Erfahrung zwei Hauptvorgehensweisen bei der Beseitigung von Zwangshandlungen. 1. Mit Gewalt. 2. Mit Köpfchen.
Die Variante 1 ist das, was augenscheinlich naheliegt - nämlich, die Zwangshandlung stur zu unterlassen. Es gibt Zwängler, die es tatsächlich geschafft haben, den Zwang auszutrocknen, indem sie ihm über längere Zeit nicht mehr nachgaben. Ich vergleiche das gerne mit einem Süchtler, der sich per Gelübde auferlegt, das Suchtmittel nicht mehr zu konsumieren. Ich nenne diese Variante auch die körperliche (weil sichtbare) Variante.
Die Variante 2 ist der weite Bereich der geistigen Beschäftigung mit Zwangslogik im Allgemeinen und
Deiner Zwangslogik im Speziellen. Ich persönlich finde den Einstieg über die letztere, also die
individuell entwickelte Logik am interessantesten und deshalb auch am effektivsten. Sie bietet überdies die Möglichkeit, auch über andere (idR damit zusammenarbeitende) psychische Aspekte viel zu lernen. In Summe hat m. E. jeglicher Zwang und jede Sucht das Potenzial, sich besser zu verstehen.
Zitat von Rising-Phoenix: Irgendwie entwickelte sich dann daraus eine kleine Zwangsstörung wo ich dann bei jeder Einstellung gewisse Kontrollrituale durchführte, die auch annähernd passten, aber eben nicht perfekt. Dazu kam dann irgendwann die Angst einen Unfall zu bauen, wenn ich nicht „richtig“ sitze.
Es gehört zu einem funktionierenden Zwangskreislauf unabdingbar dazu, dass es
nie perfekt passen
kann! Obwohl man sich wünscht, dass es (endlich) passt (und man somit die Angst vor den vermeintlichen Unfallfolgen zumindest vorübergehend einhegen kann), gibt es einen tieferliegenden, idR unbewussten Teil unserer Persönlichkeit, die
nicht (!) will, dass es passt. Diesen auf den ersten Blick unlogischen Widerspruch sollte man in Ruhe erwägen und v. a. nicht von vornherein ausschließen. Wir sollten dabei bedenken, dass
wir es sind, die einen Zwang ausbilden. Und
dass wir ihn ausbilden, hat
Ursachen. Diese Ursachen müssen übrigens gar nicht dramatisch sein aber es gilt, sie erstmal in Erwägung zu ziehen und sie sich in der Folge nach und nach sich zeigen zu lassen.
Einsichten (in uns selbst) kann man selten erzwingen. Sie ergeben sich idR dann, wenn man sich traut, vermeintliche Sicherheiten bzgl. unseres Selbstbildes mal infrage zu stellen. Wir sind nämlich nicht verlässlich so oder so - nein, wir sind ein über lange Lebenszeit (hin)(ein)ge
bildetes geistiges Konstrukt.
Zitat von Rising-Phoenix: Ich fühle mich schon so dämlich dieses Thema auch gegenüber meinen Mitmenschen so aufzublasen.
Du erkennst diesen Zwang als
Deine Schwäche und es ist Dir deshalb peinlich. Es ergibt m. E. auch wenig Sinn, eine Zwangshandlung rein inhaltlich (!) für andere zu erklären. Sie
können es nicht verstehen. Das macht einen Zwängler jedoch nicht zu einem Idiot oder Freak und den Nichtzwängler nicht zu einem normalen Menschen. Der Zwang ist lediglich
ein geistiger Aspekt, der dem Nichtzwängler fehlt. Letzterer hat übrigens idR
seine speziellen geistigen Mechanismen entwickelt um mit dem Leben irgendwie klarzukommen. Ob ihn seine Varianten langfristig gut durch´s Leben bringen, steht auf einem anderen Blatt.
Zitat von Rising-Phoenix: Ich bin immer wahnsinnig gerne Auto gefahren, oft war es sogar mein einziger Antrieb um morgens in die Arbeit zu gehen.
Das ist etwas, was ich mir an Deiner Stelle näher anschauen würde. (*)
Zitat von Rising-Phoenix: Kurz zu mir: Angst und Depression wurde bereits 2014 diagnostiziert, bin seitdem immer wieder wegen verschiedensten Themen in Therapie. Auch aktuell.
Wohlan - hier gibt es sicherlich Überschneidungen. Die Bereiche Zwänge, Süchte, Ängste und Depressionen sind auch bei mir relevant und beschäftigen mich im Grunde seit meiner frühen Jugend. Vieles konnte ich (auf)lösen, manches ist noch in Arbeit .
Zitat von Coco9: Wenn du im Auto sitzt und Unsicherheit spürst, versuch mal nicht sofort dagegen zu arbeiten, sondern kurz durchzuatmen und zu registrieren: „Ah, da ist wieder diese Angst.“ Ohne sofort etwas verändern zu müssen.
Das ist ein - vielleicht banal klingender, aber m. E. äußerst effizienter - Praxistipp. Die
Akzeptanz einer Zwangsstörung kann ihr mittelfristig viel Energie nehmen. Es ist allerdings darauf zu achten, diese Bewusstwerdung nicht in das Zwangsritual zu
integrieren. Nahezu alle Rituale haben die Eigenheit, sich auszuweiten und das gilt nicht nur für (sichtbare) Handlungen sondern auch für damit verbundene geistige Tätigkeiten (= Zwangsgedanken).
(*) Hier vielleicht als lockerer Einstieg:
spezifische-phobien-f55/zwang-auto-zu-fahren-t111880.html