App im Playstore
Pfeil rechts
×

Lieber Forenbesucher,

dieses Forum dient dazu, Menschen zu unterstützen und Austausch zu ermöglichen. Wer Hilfe braucht, findet sie hier, und wer helfen möchte, ist willkommen. Moderatoren achten darauf, dass der Umgang respektvoll bleibt. Für eine angenehme Atmosphäre sind verständnisvolle, ermutigende und einfühlsame Beiträge explizit erwünscht. Verletzende oder verurteilende Beiträge sind nicht erlaubt.

22

Rising-Phoenix
@moo
Vielen Dank für deine wieder sehr ausführliche Antwort. Gleich mal am Anfang die Frage an dich welche Therapieform hältst du am geeignetsten für die Vergangenheitsforschung?

In meinen bisherigen Therapien wurde schon auch immer in der Vergangenheit „gewühlt“, auch bei der aktuellen. Jedoch haben wir das dann nie wirklich vertieft, da meine akuten Beschwerden wichtiger waren.
Wenn man stabil ist, kann man schon mal nach dem Woher forschen. Wobei ich mir jetzt noch nicht vorstellen kann, was das bringen soll. Ich mein vergangen ist vergangen, wichtig ist das hier und jetzt?
Ich weiß dass ich in meiner Kindheit einige blöde Situationen gehabt habe, die genau in das Angst und Sicherheitsthema reingespielt haben, aber das hilft mir jetzt akut auch nicht wirklich weiter.

Trotzdem habe ich mich am Anfang des Jahres wieder in eine Therapie begeben um mich und meine Ängste/Störungen besser kennen zu lernen um in Zukunft einfach besser und mit Leichtigkeit damit umgehen zu können. Dass es dann so ausartet, mit dem hab ich nicht gerechnet und aktuell ist es mir wieder wichtiger mich gut zu fühlen und am normalen Leben teilzunehmen.
Es frustriert einfach so sehr, auch jetzt wieder mit den Medikamenten, ich weiß sie helfen, aber sie haben auch anfangs krasse Nebenwirkungen und man fühlt sich so „anders“ Das hatte ich schon wieder vergessen. Das beißt sich halt auch mit dem Thema Autofahren und sich sicher fühlen. Der Gedanke dass es jetzt wieder Wochen bis Monate dauern wird, bis ich stabil bin macht mich kirre. Ich will ja vorwärts kommen!

Ich bin da bei diesem Thema halt sehr ungeduldig mit mir, aber ich denke halt jetzt bin ich bald 40 und habe „gefühlt“ noch nie wirklich gelebt (was auch immer das heißen mag)
Ich ertappe mich auch immer dabei neidisch auf die anderen Menschen zu sein die einfach so ihr Leben leben und mehr oder weniger glücklich sind.

Sorry wenn ich ich mich hier auskotze, aber das tut schon irgendwie gut das alles niederzuschreiben.

#21


M
Zitat von Rising-Phoenix:
welche Therapieform hältst du am geeignetsten für die Vergangenheitsforschung?

Da gibt es viele Wege, die sich im Therapeutensprech unter dem Begriff "Tiefenpsychologie" tummeln. Ich persönlich bin durchaus von C. G. Jung und Erich Fromm angetan. In der (inzwischen auch schon etwas älteren) Neuzeit ist mein Favorit Irvin D. Yalom und dort insbesondere seine Thesen zur Gruppentherapie (siehe auch mein separater Thread hierzu). Ergänzend, weil weniger "theoretisch" war ich von der "Kommunikativen Bewegungstherapie" begeistert. Letztere durfte ich in der Psychosomatischen Fachklinik Windach am Ammersee kennenlernen.

Ich glaube, es gibt keine pauschal zu empfehlende Therapieform sondern jeder muss (darf!) seinen persönlichen Weg suchen. Jede Bemühung, jedes Buch, jeder Therapeut ist ein Baustein - wenn man selber aufrichtig an sich arbeiten möchte.
Zitat:
In meinen bisherigen Therapien wurde schon auch immer in der Vergangenheit „gewühlt“, auch bei der aktuellen. Jedoch haben wir das dann nie wirklich vertieft, da meine akuten Beschwerden wichtiger waren.

Das verstehe ich, aber die Zuhilfenahme von Medis führt m. E. oft zu einer "verzerrten" Akutsituation: Wenn sie nicht richtig gewählt und eingestellt sind, machen sie alles noch schlimmer. Und wenn sie "funktionieren" schwindet meiner Erfahrung nach die Motivation für die Ursachensuche. Letzten Endes ist es, insbesondere bei gesetzlich Versicherten, doch auch eine Frage des Budgets.
Zudem nahm und nehme ich auch Heilpraktiker zuhilfe. Sowas wie Du erlebt hast (Unfall), kann, je nach aktueller Belastungslage, durchaus als Trauma bezeichnet werden. Mit nicht nur psychischen sondern auch körperlichen Folgen. Hier würde ich erstmal grundsätzlich einen guten (!) top ausgebildeten Chiropraktiker besuchen. Dann einen HP, der sich mit nitrosativem Stress, Nebennierenschwäche und Mitochondriopathie gut auskennt. Weder ein "normaler" Arzt noch ein Psychiater wird mit diesen Begriffen viel anfangen können (oder wollen). Von daher muss man einfach selber aktiv werden. Die rein psychologische und medikamentöse Herangehensweise greift m. E. in den allermeisten Fällen viel zu kurz.
Zitat:
Wenn man stabil ist, kann man schon mal nach dem Woher forschen. Wobei ich mir jetzt noch nicht vorstellen kann, was das bringen soll. Ich mein vergangen ist vergangen, wichtig ist das hier und jetzt?

Die Vergangenheit ist Teil Deines Hier und Jetzt. Die Vergangenheit ist die Brille, durch die Du Dich und die Welt erlebst.
Zitat:
Ich weiß dass ich in meiner Kindheit einige blöde Situationen gehabt habe, die genau in das Angst- und Sicherheitsthema reingespielt haben, aber das hilft mir jetzt akut auch nicht wirklich weiter.

Was bringt Dich zu dieser Überzeugung? Wahrscheinlich Deine o. g. These, dass Vergangenheit sozusagen "nicht mehr aktuell" ist? Hm, da ist m. E. offenbar noch einiges an Beschäftigung mit Deinem Geist notwendig.
Zitat:
...aktuell ist es mir wieder wichtiger mich gut zu fühlen und am normalen Leben teilzunehmen.

Krisen sind aus Sicht von Erich Fromm idR "gesünder" als das (vermeintlich) "normale" Leben.
Zitat:
Es frustriert einfach so sehr, auch jetzt wieder mit den Medikamenten, ich weiß sie helfen, aber sie haben auch anfangs krasse Nebenwirkungen und man fühlt sich so „anders“. Das hatte ich schon wieder vergessen. Das beißt sich halt auch mit dem Thema Autofahren und sich sicher fühlen. Der Gedanke dass es jetzt wieder Wochen bis Monate dauern wird, bis ich stabil bin macht mich kirre. Ich will ja vorwärts kommen!

Kann ich alles verstehen. Aber, mit Verlaub, wo ist denn "vorwärts" bzw. vorne? Hast Du nicht oben gesagt, das nur das Hier und Jetzt wichtig ist? Gilt das denn nur, wenn es Dir "gut" geht?
Zitat:
Ich bin da bei diesem Thema halt sehr ungeduldig mit mir, aber ich denke halt jetzt bin ich bald 40 und habe „gefühlt“ noch nie wirklich gelebt (was auch immer das heißen mag).

Richtig - was heißt es denn, "wirklich zu leben"? Spaß zu haben und zu funktionieren - war´s das?
Zitat:
Ich ertappe mich auch immer dabei neidisch auf die anderen Menschen zu sein die einfach so ihr Leben leben und mehr oder weniger glücklich sind.

Überschätze nie das (vermeintliche) Glück der anderen. Muho (ein deutscher Zen-Abt in Japan) sagte mal: "Zu erkennen, dass es kein Glück zu finden gibt - das ist das höchste Glück." Er meinte das übrigens absolut ernst.
Zitat:
Sorry wenn ich ich mich hier auskotze, aber das tut schon irgendwie gut das alles niederzuschreiben.

Wenn Du das bereits als Auskotzen empfindest, kannst Du Dich fürwahr glücklich schätzen... zwinkern

x 1 #22


A


Angststörung/Zwangsstörung Autositz

x 3


Rising-Phoenix
Kleines Update meinerseits.
Mir geht es besser und fahre jetzt seit gut einem Monat mit der „bequemen“ aber nicht so „sicheren“ Einstellung. Manchmal klappts besser, manchmal nicht so. Aber ich werde auf jeden Fall so weitermachen und in meiner Therapie und auch außerhalb nach dem Warum forschen. Vielen lieben Dank an alle die hier geantwortet haben und mir Tipps und Ratschläge gegeben haben.

x 1 #23


Umschauen
Ein sehr schlimmes Thema ist das.

#24


Rising-Phoenix
Hallo, ich mal wieder. Ein gutes halbes Jahr später, hat sich leider wieder alles verschlimmert. So richtig toll war die Zeit nicht, aber es gab zumindest ein paar Wochen die gut waren. Ich gehe regelmäßig zur Verhaltenstherapie und versuche so viel wie möglich über meine Zwänge und Ängste zu lernen.

Aber jetzt haben sich wieder einige Dinge überschlagen und stehe gefühlt wieder am Anfang. Habe aktuell Urlaub und natürlich viel Zeit darüber nachzudenken. Ich versuche es so gut es geht mich abzulenken, aber der Antrieb fehlt mir.
Ich überlege auch ob ich die Medikamente nochmal erhöhen soll...
Es ist so frustrierend wieder auf die Schnauze zu fallen und sich von neuem aufbauen zu müssen. Manchmal glaub ich, mir fehlt die Kraft dazu.

Aber ich glaube, und da liegt bei mir die Hoffnung, herausgefunden zu haben, welches einer der großen Themen sind die mich immer aus der Bahn werfen. Und zwar das Thema Tod. Ich kann mir jetzt zwar noch nicht erklären wie das mit meinen Ängsten und Zwängen zusammenhängt, aber ich wurde die letzten Monate mehrere Male damit konfrontiert und seitdem geht es wieder bergab.

Ich mochte den Tod noch nie (wer auch?), aber bei mir kommt da ein Unverständnis hinzu wieso manche Lebewesen gerade jetzt sterben müssen. Ich kann und will es in manchen Situationen einfach nicht akzeptieren. Und gleichzeitig ist da die Angst wenn es irgendwann sehr nahe Angehörige oder mich selber trifft.
Ich bin zwar innerlich noch am Puzzle zusammenbauen aber meine Ängste und Zwänge drehen sich meist um Sicherheit, Kontrolle, die Zeit so effizient wie möglich zu nutzen, Krankheiten, Unfälle etc.

Wenn es mir wieder besser geht werde ich mich mit dem Thema Tod näher beschäftigen, ich weiß nur nicht genau wie.
Ein paar Bücher habe ich schon mal gelesen, da ist aber nichts hängen geblieben. Religiös bin ich nicht und werde es glaub ich auch nicht werden. In der Therapie werden wir das Thema auf jeden Fall mit aufnehmen. Gibt es sonst noch Tipps oder Ratschläge eurerseits?

x 1 #25


Rising-Phoenix
Hallo, ich mal wieder. Leider immer noch nicht besser. Trotz Erhöhung der Medikamente.

Ich komme mir schon richtig dämlich vor, aber das Autothema läßt mich einfach nicht los. Immer ist irgendwas das mich stört und sich dann zu einer Angst aufschaukelt.
Kann doch nicht sein dass da nicht endlich bald mal Ruhe ist?

Ich konfrontiere die Angst immer und immer wieder, aber sie fühlt sich meistens so schlimm an als wäre es das erste Mal.

x 1 #26


Rising-Phoenix
Update von mir: Leider noch immer schlecht. Es fühlt sich an als hätte ich jetzt eine Autofahrangst entwickelt. Ich fahre zwar fast täglich, aber ich fühle mich fast immer unsicher dabei.
Ich will eigentlich nicht aufgeben und mich immer zwingen zum Auto fahren, aber es ist halt schon verlockend einfach auf Bus oder Bahn umzusteigen und dieses Gefühl dann nicht mehr zu haben.
Aber ich bin so gern in abgelegenen Orten unterwegs zum wandern und entdecken, da wirds mit den öffentlichen Verkehrsmitteln halt schwierig.
Wenn mir jemand sagen könnte, halte bis zu diesem Zeitpunkt durch, danach wirds besser. Es dauert mir einfach schon zu lange...

x 1 #27


M
Zitat von Rising-Phoenix:
Aber ich glaube, und da liegt bei mir die Hoffnung, herausgefunden zu haben, welches einer der großen Themen sind die mich immer aus der Bahn werfen. Und zwar das Thema Tod. Ich kann mir jetzt zwar noch nicht erklären wie das mit meinen Ängsten und Zwängen zusammenhängt, aber ich wurde die letzten Monate mehrere Male damit konfrontiert und seitdem geht es wieder bergab.

Natürlich hängt das zusammen! Aus Sicht eines Kontrollfreaks (und Kontrolle ist der Dreh- und Angelpunkt von Zwänglern) ist der Tod das finale Scheitern. Und definitiv unausweichlich. Das muss als Dauerkonflikt erlebt werden.
Zitat von Rising-Phoenix:
Ich bin zwar innerlich noch am Puzzle zusammenbauen aber meine Ängste und Zwänge drehen sich meist um Sicherheit, Kontrolle, die Zeit so effizient wie möglich zu nutzen, Krankheiten, Unfälle etc.

Versuche im Zuge Deiner Therapiesitzungen mal, den Begriff "Sicherheit" für Dich zu definieren. Behalte dabei immer auch Deine Definitionen von der Bedrohung, also davon, wovor Du Sicherheit wünschst, im Auge.
Zitat von Rising-Phoenix:
Ein paar Bücher habe ich schon mal gelesen, da ist aber nichts hängen geblieben.

Absolute Empfehlung hierzu: https://www.amazon.de/Existenzielle-Psy...101&sr=8-1
Zitat von Rising-Phoenix:
Ich komme mir schon richtig dämlich vor, aber das Autothema läßt mich einfach nicht los. Immer ist irgendwas das mich stört und sich dann zu einer Angst aufschaukelt.
Kann doch nicht sein dass da nicht endlich bald mal Ruhe ist?

Nicht "etwas" stört Dich sondern Du störst (etwas)! Du bist es, der keine Ruhe gibt. Sehe Dich nicht als Opfer sondern als Täter! Dies natürlich nicht, um Dir die Schuld dafür zu geben, sondern um Deine Handlungshoheit zu verinnerlichen.

Alles was wir tun, tun wir letzten Endes mit irgendeiner Absicht - egal ob bewusst (weil akut) oder unbewusst (weil chronisch). Ergo: Wenn wir etwas tun, was wir "eigentlich" (?) nicht tun wollen, müssen wir die Absicht und v. a. die Art der Absicht (= bewusst oder unbewusst) ergründen.

Generell jedoch: Als ehemals routinierter Zwängler kann ich aus eigener regelmäßiger Erkenntnis behaupten: Eine Zwangshandlung ist immer eine Ersatzhandlung. Und zwar ein Ersatz für etwas, was wir (vermeintlich) nicht kontrollieren können. Durch die idR völlig sinnlose (aber: gefühlt kontrollierbare!) Ersatzhandlung entsteht das - leider nur kurzzeitige - Gefühl der Kontrolle bzw. Kontrollmöglichkeit. Wie gesagt - kurzeitig. Dies deshalb, weil wir unterbewusst natürlich "wissen" (besser: "fühlen"), dass diese Ersatzhandlung gar nicht funktionieren kann.

Das sehr Tragische an der ganzen Sache ist, dass der Zwang irgendwann zum Selbstzweck wird. Du kannst das mit Sucht vergleichen. Anfangs probierst Du etwas aus, dann gewöhnst Du Dich dran, dann "brauchst" Du es und irgendwann übernimmt das Suchtmittel bzw. -objekt die Regie über Dein Leben.

Deshalb lägen strukturell Sucht- und Zwangstherapie eigentlich nah beisammen. Leider wird es nur selten zusammen therapiert, doch Zwängler und Süchtler könnten in Gruppentherapien extrem viel voneinander lernen.

Zitat von Rising-Phoenix:
Update von mir: Leider noch immer schlecht. Es fühlt sich an als hätte ich jetzt eine Autofahrangst entwickelt. Ich fahre zwar fast täglich, aber ich fühle mich fast immer unsicher dabei.

Zwänge und Süchte weiten sich oft aus. Du kannst das mit der langsamen Erhöhung der Dosis eines Suchtmittels vergleichen.
Zitat von Rising-Phoenix:
Ich will eigentlich nicht aufgeben und mich immer zwingen zum Auto fahren, aber es ist halt schon verlockend einfach auf Bus oder Bahn umzusteigen und dieses Gefühl dann nicht mehr zu haben.

...sofern Deine Angst sich nicht irgendwann auf die Öffis ausweitet zwinkern. Nein, im Ernst: Du kannst das als Hinweis für Deine Ursachensuche nutzen: Du hast zumindest nicht Angst vor dem Fahren sondern davor, selber zu fahren. Merksatz hier: "Ich traue mir nicht". Das Fahren, das Verkehrsmittel, die Sitzposition etc. kannst Du dann einfach mal weglassen und reduzierst das auf die fundamentale Grundgesinnung hinter dem Offensichtlichen.

Dann gehst Du einen Schritt weiter: "Warum traue ich mir nicht?"
Du kannst auch mit Gegenfragen arbeiten: "Wer oder was glaube ich eigentlich, dass ich bin?". "Kann ich mir überhaupt trauen?" usw.
Zitat von Rising-Phoenix:
Wenn mir jemand sagen könnte, halte bis zu diesem Zeitpunkt durch, danach wirds besser. Es dauert mir einfach schon zu lange...

Das kann Dir niemand sagen. Ich kann Dir nur aus eigener Erfahrung sagen: "Es" kann schlagartig und jederzeit aufhören, sobald Du existenziell verstehst, dass jegliche Kontrolle letzten Ende eine Illusion ist. Eine typisch menschliche Illusion, fürwahr.

x 1 #28


Rising-Phoenix
@moo Danke dir für deine wieder sehr ausführlichen Antworten. Da konnte ich einiges mitnehmen. Und das Buch werd ich mir holen, danke!

#29






Mira Weyer
App im Playstore