✔ Empfohlene Antwort
Ich erinnere mich an meinen Opa.
Wenn ich überlege, wohl der einzige Mensch, an den ich nicht mit irgendeinem Schatten in meiner Seele denke.
Aus wagen Erzählungen glaube ich, dass er und meine Oma aus Ostpreußen fliehen mussten. Die Familie meiner Oma besaß wohl ein Gut.
Ich liebte meinen Opa väterlicherseits. Ich fühle noch, dass ich ihm immer willkommen war.
Unser Haus war ein Dreigenerationenhaus, von ihm erbaut.
Wenn ich in seine Küche ging, saß er stets auf dem gleichen Platz.
In der Mitte unterm Fenster stand ein Tisch. Rechts daneben ein Sessel, seitlich der Durchgang zur guten Stube.
Links stand ein Stuhl. An der Wand daneben ein Küchenschrank. Den ich heute noch habe. Nur ist er nicht mehr weiß, sondern abgebeizt und das alte Holz kam zum Vorschein. Er steht in meinem Wohnzimmer.
Genau auf diesem Stuhl neben dem Schrank saß mein Opa immer.
Ganz kurzer Haarschnitt, Oberlippenbart, eine graue Anzughose, ein Oberhemd, und darüber eine ärmellose Weste, geschlossen, aus dem gleichen Material wie die Hose. Ich kannte ihn nie anders.
Ging er raus, trug er darüber seine Anzugjacke und einen passenden Hut.
Meine Oma dagegen war eine Gewitterhexe. Sie konnte nicht gut haben, dass ich zu ihnen in die Wohnung kam. Vielleicht lag es daran, dass sie sechs Mädchen und nur einen Jungen hatte.
In solchen Momenten, sagte mein Opa: "Lass doch das Mädchen."
Er sagte nie viel. Er war ein unglaublich stiller Mensch. Und doch glaube ich, dass er unendlich viele Träume und viel Fantasie gehabt haben muss. Das liegt wahrscheinlich daran, dass wir ein Sternzeichen waren.
Ich wippte auf seinen Füßen. Saß auf seinem Schoß und plumpste Kopf runter. Und hatte nie einen Moment auch nur das Gefühl, er könnte mich los lassen. Es gab immer Kinderreime dazu, von ihm und mir aufgesagt.
Den rechten Zeigefinger hatte man ihm im ersten Weltkrieg abgeschossen. Daher war seine rechte Hand deformiert.
Im zweiten war er wohl Sanitäter, aber laut Erzählungen meiner Mutter, hat er zeitlebens Angst gehabt. Erst recht, wenn die Sirenen losgingen.
Er hatte wohl alle Träume frühzeitig begraben. Und Angst kann unglaublich still machen.
Von ihm habe ich gelernt, wie man akkurate Beete zieht. Wir hatten ja einen sehr großen Garten. Ich könnte noch heute Beete ziehen.
Manchmal saß er auf dem Hof, auf einer Bank und sah mir beim Spielen zu.
Ich war neun Jahre, als er starb.
Und ich durfte nicht weinen, weil sein Schüsselchen im Himmel sonst überfließt.
Das habe ich aber längst geändert.
"Eine Muh, eine Mäh
eine Täterätete...
Ich wippte auf deinem Fuß.
Dein Lachen.
Mein Lachen."
Eine Ewigkeit her. Aber alles was man im Leben wirklich je geliebt hat, bleibt für immer.
09.02.2022 15:19 •
x 10 #883
Zum Beitrag im Thema ↓