Dieses Lied erzählt von einer sehr schmerzlichen und herzzerreißenden Geschichte aus meinem Leben. Der Name der Frau wurde bewusst verändert und an das Lied „Ginny Come Lately“ angeglichen. Sie und meine große Liebe höchstpersönlich spielen neben mir die tragenden Rollen in dieser Tragödie. Doch auch mein sehr verehrter Herr Vater kommt auf dramatische Weise ins Spiel: Er meinte es gut mit mir und beendete damit – ohne es zu wollen – leidvoll die tragische Begebenheit. Vor seinem Tod wollte er sein Gewissen erleichtern, indem er mir am Sterbebett all die Geschehnisse offenbarte. Dabei spielte das Schicksal eine übermächtige Rolle in diesem Trauerspiel – was mir wie eine Bestrafung Gottes vorkommt, denn anders kann ich es nicht begreifen.
Diese Lebensgeschichte spielte sich über mehrere Jahre ab. Angefangen hat es, als ich gerade einmal 16 Jahre alt war und im Paradies eintraf – meinem goldenen Zeitalter. Und doch war es auch mein seelisches Grab, denn hiernach war ich nie wieder so frei und glücklich wie in jener Epoche meines Lebens. Damals war ich schwer an einer Zwangserkrankung erkrankt, die mir – ich sage es euch ehrlich – die Haut langsam, aber sicher auffraß. Da sich der Waschzwang mit einem ritualisierten Wiederholungszwang verbunden hatte, musste ich mir in jenem Zeitraum bei einem Waschgang die Hände stets 120 Mal gründlich mit Seife waschen. Ich weiß nicht, ob ihr es euch vorstellen könnt, wenn einen der Schmerz einholt, als würde die ganze Haut zerrissen sein – und ja, sie war es größtenteils eben auch, sodass das Wasser im Waschbecken immer voller Blut war. Ich sprach damals auch kein Wort mehr, wegen der Folter, die ich durch gleichaltrige Mitmenschen erlebt hatte.
Auf einmal trat ein engelgleiches Wesen gleichen Alters in mein Leben und schenkte mir durch wochenlange Geborgenheit meine Sprache wieder. Sie zeigte mir auch das Höchste an Vergebung, was ich bis dato in meinem Leben gesehen habe, indem sie ihren Eltern deren mehr als tausend abscheuliche Untaten des sexuellen Missbrauchs vergab, die sich in all den Jahren des Grauens angesammelt hatten. Sie tat es nicht für sich, sondern für ihre Eltern, damit sie im Falle ihres Todes auf Vergebung vom Allvater hoffen können. Denn wenn sie ihnen doch vergeben kann, dann kann er es doch auch, sodass sie keine Furcht vor ihm haben müssen. Zudem sagte sie: „Und wer wäre ich, ihnen nicht zu vergeben, wenn ich doch im Vaterunser für meine Sünden von dem Allbarmherzigen Vergebung erbitte? Eben eine Heuchlerin und keine Christin.“ Sie war so weise in ihrem zarten Alter. Doch sie machte den gleichen Fehler wie ich selbst: Wir verliebten uns auf himmlische Art und Weise.
Es klang alles so märchenhaft. Ach, wie romantisch wir uns im Leben bewegten und selbiges ausleben durften, dieweil wir so liebevoll zu allen waren. So durften wir des Nachts auch länger aufbleiben in der Jugendpsychiatrie, um im silbernen Mondglanzlicht als Pärchen Hand in Hand zu lustwandeln und mancherlei Tänzlein unter dem Sternenhimmel zu begehen. Zur gleichen Zeit war ich zum Teddybären aller missbrauchten Mädchen geworden; sie erzählten mir vieles im Vertrauen, und ich bekam ein Bildnis zum Beischlaf, das bis heute mit Abscheu verbunden ist.
So kam die erste Tragödie zustande, indem Merle begann, mir ihre Zukunft mit mir vorzustellen, die eigene Kinder beinhaltete. Mit blutendem Herzen musste ich nun Schritte gehen, die mir die Seele derart geschunden haben, dass ich annehme, ich besitze seit diesem Tage keine mehr. Ich sagte ihr, dass ich nicht derjenige sein kann, obwohl ich sie über alles liebte – und zwar bis heute. Denn ich kann mir nur eine platonische Beziehung vorstellen, daher möchte ich ihrem Glück nicht im Wege stehen. Wir weinten beide unter lauter Klage. Als sie aus der Klinik entlassen wurde, kam sie noch einmal auf mich zu und fragte, ob es richtig sei, solch wunderschöne Minne so zu beenden. Doch wie sollte es am Ende mit uns zwei gut gehen? Ich konnte nicht ahnen, dass sich nach langem Zureden durch meine Mutter meine Gedankenwelt zig Jahre danach ändern würde, sodass ich es mir mit vielen Regeln später vorstellen konnte, einen Beischlaf zu vollziehen – wenn eben nur die Frau danach fragen darf, aber niemals ich selbst, und ich weiß, dass sie einen wahren Wunsch äußert, indem ich schon länger mit ihr zusammenlebe und ihr vertrauen kann. Doch bin ich ehrlich: Ich würde gern darauf verzichten.
Ich hoffe sehr, dass sie heute eine kinderreiche Familie und einen wunderbaren Gemahl an ihrer Seite hat; sie verdient es mehr als alle anderen Wesen auf dieser Welt. Ich weiß nicht, ob sie es je mitbekommen wird, doch in all meinen Mären und Liedern ist sie gemeint, wenn es um Minne, Lobeshymnen oder Heldinnen geht. Und wenn ich alt werden darf, so werde ich weiter an meiner Buchreihe über sie und Alwin schreiben – ein Friedenszyklus über eine Geschichte, die das Mittelalter besser darstellt und in der unsere psychische Erkrankung sowie unsere Liebe eine gewichtige Rolle spielen. Dabei wird mein Selbstmordversuch zu ihrem, wodurch sie von einer Seite des Dorfes gern vertrieben würde, während die andere sie beschützt. Am Ende gewinnt der Frieden über den Ort durch Merle und die Unterstützung Alwins. Wobei die Kinder der beiden Hauptfamilien den Frieden für alle Ewigkeit als zwei Bäumlein verfestigen, denn sie heiraten aus freien Stücken über Kreuz. Und da die Frau des „Bürgervorstehers“ nimmermehr das Grab mit ihrem grausigen Gemahl teilen möchte, so wird ihr als Friedensangebot die Erlaubnis erteilt, wenn sie es wünsche, dass sie mit Merle und Alwin deren Grab teilen dürfe.
Und jener Mensch jüdischen Glaubens, der als Einziger ein Pogrom an einem anderen Orte überlebte und Unterschlupf bei Merle und Alwin fand, wird ein extra sechstes Buch in diesem Werk erhalten, weil ich die Nebengeschichte im Nachhinein zu süß fand, um sie nicht zu einer unglaublichen Liebesgeschichte aufzubauen. Denn er wird der Gemahl von Merles bester Freundin. Doch obwohl sie ihn schon sogleich liebt, bleibt sie voller Rücksicht durch den hohen Verlust, den jener Mann erfuhr; die Liebe zwischen den beiden gedeiht in einer herrlichen Sanftmut und Behutsamkeit, die so einzig scheint auf dieser Welt. Derohalben muss zwar der Pfarrherr für eine gewisse Zeit Buße tun, dieweil er sie ehelicht, ohne ihn zu taufen – es geschah indes schon genug Unrecht, daher führt er sie zusammen und geht hiernach auf Pilgerfahrt nach Rom. Er war die erste große Liebe von Merle, doch er entschied sich für Gott. Daher versucht sie, sich das Leben zu nehmen, als Alwin ihre Minne zu ihm verneint, weil er Furcht hat, sie eines Tages zu verlieren. Durch den Tod seiner Mutter hat er schon die Hälfte seines Herzens verloren – wie soll er solch neuen Schmerz überwinden, wenn gar noch des Vaters Tod ansteht? Er besitzt nun mal ein Herz, das die Trauer nicht verliert, sondern mit der Zeit vermehrt, weil er wahrhaftig liebt. In so einem Fall heilt die Zeit nimmermehr.
Nun kam Jenny ins Spiel, eigentlich schon vorab, doch mein Herz kann wohl nur einmal lieben und erst recht nicht zweigleisig unterwegs sein. So gab ich ihr zweimal einen weichen Korb, und doch blieben wir wie Bekannte verbunden in der Klinik, ebenso in den ersten Jahren nach dem Aufenthalt zumindest telefonisch. Sie wollte mir eine große Unterstützung sein, als ich meine erste Depression bekam durch den Entschluss, mich von meiner großen Liebe zu trennen. Doch ich verweigerte es ihr. Sie verstand es, doch durch spätere Gespräche weiß ich, dass sie gleichfalls in ein tiefes Loch fiel; denn sie liebte mich nun einmal und wollte mir eine Stütze sein, doch ich selbst ließ es halt nicht zu. Viele Jahre später schließt sich die zweite Tragödie – eine dritte mache ich hier nicht auf, weil es vielleicht doch zurückverfolgt werden kann. Da ich jedoch niemanden schädigen möchte, verbleibe ich im Stillen. Ich sage nur: Eine Person hat sich verbotenerweise auch in mich verliebt. Irgendwie verrückt – davor und danach war ich immer mutterseelenallein, und im güldenen Jahr sind gleich drei Trauerspiele durch Amor geschehen.
Jahre später war ich wieder einmal in Therapie. Da mein Vater auf dem Sterbebett davon erzählte, weiß ich nicht mehr genau, wann es war; es muss zwischen 1992 und 1998 gewesen sein, und zwar in einem der Jahre, in denen ich in teilstationärer Behandlung war, was eben häufiger der Fall war. Sie wusste den Ort, wo ich wohne, und in jener Epoche gab es noch Telefonzellen mit Telefonbüchern. So fand sie meine genaue Adresse heraus und wollte mich aufsuchen. Doch sie traf auf meinen Vater, der – warum auch immer, wohl aber schützend – so tat, als ob ich mich stationär behandeln ließe und längere Zeit nicht anwesend wäre, wiewohl ich jeden Tag im Hause war. Es handelte sich nur um eine, vielleicht zwei Stunden, da sie nachmittags auftauchte, und das Schicksal hätte anders zuschlagen können, derweilen man ihr die Tür geöffnet hätte. Am gleichen Tag wird mein Vater so krank, dass er am Abend das Hospital aufsuchen musste – was für ein Zufall. Dort trafen sie sich am nächsten Tag, welch Fügung, und so erfuhr er von ihr, dass sie sich das Leben nehmen wollte und daher dort sei. Mein Vater hatte wohl so ein schlechtes Gewissen bekommen, dass er sie am darauffolgenden Kalendertag besuchen wollte, doch er traf sie nicht mehr an. So sprach er eine Krankenpflegerin an, die ihm, einem Fremden, verriet, dass sie sich leidvoll in der Nacht das Leben genommen hatte – in welcher Bestimmung, dass alles in diesen Maßen ablief.
Ich war geschockt, als ich all das anhörte. Mein Vater war dem Tode schon sehr nah und wollte sich die dadurch entstandene Last von der Seele reden, so wagte ich meine tausend Fragen nicht zu stellen; zudem knickten mir die Beine weg vor lauter Traurigkeit. So verbleibt vieles für mich offen. Noch dazu lag seit diesem Tage eine Schwermut in meinem Herzen und die Frage: Warum kam sie so spät in mein Leben? Vielleicht wäre ich mit ihr ein Paar geworden, denn sie war ähnlich wie meine davor kennengelernte große Liebe – einfach ein wunderbarer Engel, der auf Erden wandelte.
Zudem kehrt eine offene Frage immer wieder in meine Gedankenwelt zurück: Hätte ich sie retten und Jahre später gar ehelichen können? Ich trage eine so große Schuld in mir, doch weiß ich nicht, was ich hätte anders machen können. Ich folgte meinem Herzen sowie meinem Gewissen, und ich muss wohl erkennen: Es war ein Fehler. Es gibt nur wenige Fragen dieser Art, die mir das Leben ewig erschweren werden.
Von dieser Art ist auch jene Frage, ob ich mich damals in der Schockstarre in der Jugendherberge hätte vergewaltigen lassen sollen, anstatt meine Zwangserkrankung – die bis zu diesem Zeitpunkt gut therapiert war – aus ihrem Verlies zu holen, damit in mir der Ekel aufkeimt. Damit der Zwang sich vorstellen konnte, dass die mir Fremde vorher auf der Toilette ein großes Geschäft gemacht und sich nicht gereinigt hatte – so übernahm er am Ende die Regie, und so konnte ich jene noch rechtzeitig von mir herunterstoßen. Doch der Zwang verschwand danach nie wieder so wie zuvor und verbündete sich gar mit der Depression, sodass es mir an keinem Tag gut gehen darf. Andernfalls muss ich mich dafür mit tieftraurigem Weinen und Zittern wie Espenlaub bestrafen – und das über Stunden hinweg, weil filmreife Erlebnisse auftauchen, die meinen Liebsten und mir angetan werden: grausame Tode, bei denen man weder sich selbst noch den anderen helfen kann, weil man gefoltert wird. Hierbei wird in der Erinnerung jener Schmerz wachgerufen, den ich empfand, als ein Arzt mit meiner Erlaubnis – um einen Tag an Heilung zu gewinnen – die Naht nach meiner sechsten Steißbeinfistel-Operation im selben Jahr ohne Betäubung öffnete. Zwar gab er mir den Hinweis, es werde ordentlich wehtun und ich solle in das Kissen beißen, doch es war ein Schmerz, den ich nie wieder vergaß – wohl auch, weil manche Stellen der Hautnaht bereits gut verheilt waren.
Nun sind beide in meinem Herzenshaus wohnhaft; die eine verursacht in mir große Freude und die andere, obwohl sie es bestimmt nicht wollte, verschafft mir ein zerbrochenes Herz voller Schmerz. Das einzig Gute daran: Ich bin kein Hallodri geworden, der mit dem Beischlaf nur Leid verursacht durch Fremdgeherei oder Ähnliches. So bin ich auf dem Wege, ohne religiöse Gründe eine ewige Jungfräulichkeit auszuleben – mit voller romantischer Veranlagung, indem ich die große Liebe im Geiste einlade, ihr Lobeshymnen, Gedichte oder preisende Minnelyrik vorzutragen unter dem silbernen Mondhimmel. Oder ebenfalls durch Vorstellungskraft mit ihr unter einer Sternenallee zu wandeln oder zu tanzen, wie es einst geschah, nur noch herrlicher.
Doch langsam geht meine Kraft des Traumes zu Ende, weil sie selbstverständlich mit mir gealtert ist. Doch ist die Furcht in mir gewachsen, dass sie nichts mehr mit der wirklichen Person gemein hat, und so heule ich immer mehr einsam mondwärts und streife als Mondritter muttersternallein als Gespenst durch die Nacht. Ein seelenloser Mensch, der so viel romantische Minne in sich trägt, dass er daran langsam, aber sicher krepiert. Denn mein Herz würde so gern einer Herzenskönigin Geborgenheit schenken und sie auf dem Olymp schweben lassen, ihr ohne Ende und ohne etwas zu verlangen dienen, damit sie in der Himmelsglückseligkeit verweilt; ihr ein Herzens- und Seelengeschwisterlein sein, damit sich die Herzen zu einem verweben und unendliche Seelenküsse gereichen, damit sie sich fühlt, als lebe sie schon längst im Paradies – sodass ihr Glücklichsein meine Schmiede des Glückes werde, indes ihr Unglück mein tödliches Verderben sei. Eben wahre Liebe. Doch weiß ich, dass ich mir durch die Liebe zum Engel von damals wohl selbst im Wege stehe und nimmer auf Suche gehe und es gar vermeide, jemanden kennenzulernen, damit das Leid wachse und wachse wie eine Selbstgeißelung.
O Jenny, ihr kamt leider viel zu spät.
1. STROPHE
O Jenny, ihr kamt leider viel zu spät.
Wie hätte ich euch von Herzen geliebt,
da nun mein Wind des Schicksals traurig weht
und Schmerz mein kleines Herzelein umgibt.
Ich liebe eine andre Frau so sehr.
Und ob die Liebe auch zerronnen ist,
schlägt doch mein Herz für sie nun immer mehr,
weil meine Seele sie zutiefst vermisst.
2. STROPHE
Ich bin nun mal verflucht, allein zu sein,
doch euer stolzes Herz wich nicht zurück.
Ich verblieb in meiner bitteren Pein,
und dennoch suchtet ihr bei mir das Glück.
O Jenny, lieben konnte ich euch nicht
in der Weise, die euch hätte gelabt.
Auch mit viel Zuneigung und Zuversicht
hättet ihr in mir nur ein’n Freund gehabt.
3. STROPHE als BRIDGE
Zu früh seid ihr von uns fortgegangen,
die Erde hält euch nunmehr kühl und fest.
Ihr wart in eurer Liebe gefangen,
die mich nun in tiefer Schuld weilen lässt.
Trotz knospenjungen Seins auf Erdenrund,
von falscher Minne bitterlich zerstört,
schweigt ferner euer zuckersüßer Mund,
ihr habt auf mein Flehen nimmer gehört.
Mein Geist bleibt traurig und allein fortan,
ich war euer Herz niemals richtig wert.
Es bricht der kalte, dunkle Abend an,
der euch das große Glück nun stets verwehrt.
ENDVERS
O Jenny, es tut mir um euch so leid,
denn ihr wart mir vergebens gewogen,
reichen konnte ich euch kein Liebeseid,
war mir doch mein Herz bereits entzogen.
REFRAIN
O Jenny, Jenny, ihr kamt leider viel zu spät,
dieweil sich mein Herz nur einmal im Leben befiedert.
O Jenny, Jenny, ihr kamt leider viel zu spät,
darum ist mein Herzelein doch geteert und gefiedert.
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