In jungen Jahren war ich einst für mich ganz allein auf Besuch im Tanzlokal Südpol. Ich hatte etwas Wunderschönes scheinbar für immerdar verloren und wollte meinen Kummer loswerden, durch das Vergnügen der anderen, doch wurde es eine seelische Tortur, denn meine Wenigkeit sah all die tanzenden Liebespärchen, ich spürte die Lust in mir aufkeimen, dabei zu sein und mit zu tanzen in all den Reigen, indes wusste ich, dass keiner mit mir ein Tänzchen wagen würde. Ich schaute nach draußen und entdeckte die zunehmende Mondsichel, die legte sich geradezu ins Bettlein und ruhte sich für die nächste Wacht aus; drum dankte ich ihr von ganzem Herzen für ihr liebes Borgelicht, mit welchem sie uns beschenkte und behütete ganz leise und seufzte dabei derart laut, dass ein älterer Mann sich umblickte. Er beschaute mich von unten bis oben mit einem Blick an, als würde er alles in mir auslesen können, so fühlte ich einiges Unbehagen, denn wer möchte bis auf die Seele entblößt werden. Ich kann mich genau noch daran erinnern, welches Vokalstück erklang und es mir schien, als wäre das Lied auf Dauerschleife und damit nie enden wollend. Ich merkte gar nicht, wie ein paar Tränchen des Seelenschmerzes mir aus den Äuglein den Wangen entlang bedächtig sanft herunterkullerten. Es war von meiner Gemahlin und mir das Kuschellied: »Since I Met You Baby« von Ivory Joe Hunter:
Auf einmal stand der ältere Herr auf und kam in ganz langsamen Schritten auf mich zu, als würde er mich fragen, ich darf doch mich euch annähern. Ich wusste, entweder gehe ich sofort oder ich gebe ihm die Möglichkeit, sich bei mir hinzusetzen, so bot ich ihm an, neben mir Platz zu nehmen. Ich weiß bis heute nicht, warum ich es tat, doch es veränderte mein Leben. Der alte Mann fing an, ein Monolog an mich zu richten, der mich bis aufs Mark berührte und ich war hierdurch im Bilde nicht derart enden zu wollen. Ich hörte ihm erzählen: »Wisst Ihr, man hat einiges im Leben durchgemacht und ja, es gab viele silberne Momente, gar silberglänzende Kalenderjahre in meinem bisherigen Dasein, doch nur ein goldenes Jahr durfte ich in meinem Sein erleben, das mein weiteres Leben verelenden ließ. Ich sehe an euch, ihr habt ähnliches Leid erfahren, doch hört mich an, vielleicht rettet es eure Zukunft. Meine Winzigkeit liebte ein herrliches Wesen, doch es war die Freundin meines damaligen Herzensfreundes. Ich wagte kein bisschen ihr es zu sagen bis …« er blieb stocken und es kam ein großer Seufzer aus ihm heraus, danach begann er weiter zu erzählen und er hatte meine ganze Aufmerksamkeit gewonnen: »... bis sie vor mir stand bitter weinend, hier an diesem Ort. Es schallte gerade das Lied: »Valley of Tears« von Fats Domino, das zu dem traurigen Anblick meines Traumblattes passte«:
»Da ich mit der Zeit ebenfalls ein Freund von ihr wurde, ließ ich es gern zu, dass sie sich an meiner Schulter ausheulen konnte, auch wenn mir ihre Nähe noch eine zusätzliche Qual versetzte zu der sowieso dazugehörigen Pein, die man fühlt, wenn man einen Menschen, den man liebt, in solcher schlechten Verfassung auffindet. Sie verschwieg mir ihr Elend, obwohl ich hätte allem Anschein nach helfen können. So war mir nur klar, dass etwas vorgefallen sein musste. Ihr fragt euch bestimmt, warum ich dieses Jahr als mein goldenes Jährchen betrachte, weil ich sie in demselben kennenlernen durfte und so nah meines Glückes war, derweil sie mich zum Ausheulen brauchte und hätte ich mir nur mehr zugetraut, wären wir heute ohne Zweifel ein Pärchen. Denn ihr sollt wissen, dies kam ab dem Tag mehrmals vor, ich fragte sie immer wieder, warum sie derart traurig war und ich bin heute im Bilde, man hätte der Fragerei um ihrer Trauer mehr Druck setzen sollen, doch wie soll man es erzwingen, wenn man sie doch über alles dermaßen liebte. Wie gesagt, durch all das wagte ich eines Tages trotz alledem ihr zu gestehen, dass ich sie derart liebe, dass es mir aber wiederum oft schwerfiel, ihr so nah zu sein und doch dermaßen weit entfernt war. Indes konnte ich meinen Freund es nicht antun, wer wäre ich, der einem Seelenfreund versucht, deren Herzallerliebste auszuspannen. Dabei kommt mir immerdar ein Vokalstück von Elvis Presley in Erinnerung hoch«:
»Sie wiegte sich an dem Tag sehr an mich, doch wieder sagte sie mir keinen Grund für ihre Traurigkeit, nennt mich einen Einfaltspinsel, ja ich hätte es wissen müssen, dass mein Freund dafür verantwortlich war. Sie liebte ihn über alles, doch er ging immer wieder fremd und machte daraus kein Geheimnis, sondern sagte ihr es wie auf einem Tablett serviert, als ob er an ihrer Qual sich ergötzen ließ. Als ich all das später heraus bekam, war alles zu spät. Ich wollte seit dem keinen dauerhaften Kontakt mehr mit einem Menschen finden und doch ist man einsam gerade unter den Staubgeborenen. An dem Abend sagte sie zu mir, lass uns als Paar gemeinsam abhauen, diesen Ort für immer verlassen, doch meine Wenigkeit fühlte sich unwohl dabei, denn sie war nicht wer. Wie sollte ich es mit meinem Gewissen vereinbaren, obwohl mein Herz es so sehr wollte und davon seit Anbeginn ihrer Bekanntschaft träumte, doch ich verneinte. Höre mein Junge, höre auf einen alten Mann und gehorche deinem Herzen, dann passiert dir vielleicht nicht das gleiche Unglück wie uns damals. Ich fühle mich bis heute wie in den Liedern »Lonely Man« von Elvis Presley und »Mr. Lonely« von Bobby Vinton«:
»Dies Verneinen, mein junger Herr, hat mir mein Seelchen beraubt, denn am nächsten Tag las ich in der Zeitung, dass eine junge Frau sich an der Krückau ertrinken ließ. Ich sah das Foto von ihr und mir versagten in dem Moment meine Beine. Ich konnte bei der Beerdigung nicht beisein, denn ich fühlte mich schuldig. Erst mit der Zeit konnte ich ihr Grab besuchen, seit dem gehe ich jeden Tag dort hin und frage mich, warum, warum konnte ich nicht mit euch von hier verschwinden? Sie ist und bleibt mein Engel, niemanden lass ich an mein Herz, ich wollte einsam nur noch sein und pures Leid erfahren. Trotz allem gab es noch schöne Momente, aber in Wahrheit war nichts mehr so wie zuvor. Drum hüte dich davor, denk ruhig, ich bin ein Spinner, aber höre auf mich, sonst lebst du wie ich und das Sein wird zum Grab. Ich weiß nicht, warum, doch ich höre stets gern dies Lied: »Every Breath I Take« von Gene Pitney, weil ich hoffe, dass ich ihre Liebe heute noch einatme und mit weinenden Augen jene Gesangstücke, die mir vermitteln, wie jung und ohne Hoffnung sie gestorben sei: »Jugendliche Angel« und »The Pickup« von Mark Dinning«:
»Ich wünsche mir oftmals, dass sie mir wieder erscheint, so als wäre all das nie geschehen und wir können immer noch glücklich miteinander sein auf Mutter Erde sowie eine bezaubernde Zeit gemeinsam hier verbringen, drum ist jenes Gesangstück »Whispering Pines« von Johnny Horton ein Seelenlied geworden«:
»Nun sage ich dir ein Lebewohl, denke an meine Worte, mehr wünsche ich mir nicht.« Ich wollte mich bei ihm herzlichst bedanken, denn all das Gesagte hätte meine Geschichte sein können, doch er war auf einmal vom Erdboden verschwunden, als wäre er ein Geist gewesen.
Ich besuchte oft das Tanzlokal, um mich bei ihm zu bedanken, doch man traf ihn hier nie wieder an. Meiner großen Liebe vertraute ich später an, warum ich zu ihr an diesem Abend zurückrannte, nach dem der alte Herr für immerdar verschwand. Sie sagte zu mir, was mich bis auf Mark heute noch erschreckt: »Ich danke ihm somit mein Leben, denn ich war dabei, mich von allem zu verabschieden.« Sie brach kurz ab, um etwas aus ihrer Schublade zu holen. Sie zeigte mir daraufhin ihren Abschiedsbrief, den sie behalten hatte, um sich daran zu erinnern, wie grausig auch ein Joch sein mag, es kann einem eine helfende Hand daraus helfen, doch muss sie erst mal dafür da sein. Ich schluchzte und begann zu weinen, als ich ihren Brief las. Sie nahm mich in die Arme und erwähnte dabei: »Du bist doch zu mir gekommen, es hat alles ein gutes Ende genommen.« Ich ummantelte sie zärtlich mit Liebe und flüsterte ihr zu: »Doch …« mir fiel es schwer zu sagen, aber verschweigen wollte ich es nicht und versuchte es aufs Neue: »Jedoch wäre er nicht da gewesen, würdest du nicht mehr hier sein und jetzt bist du gar an meiner Seite.« Dabei hörten wir uns das Lied an »The World Is Getting Smaller« von Mark Dinning:
Doch bei uns verweilt die Liebe für immer, gar über den Tod hinaus.