@Julia0712
Zuerst einmal möchte ich dir sagen, dass das was du durchmachst sehr wohl bekannt ist, und durchaus nicht ungewöhnlich, nach längerer Einnahme von Benzodiazepinen, aber auch von anderen Psychopharmaka.
Man nennt es Entzugssyndrom, da es nicht nur ein Symptom ist, sondern ein ganzens Konvolut an Symptomen.
Viele Menschen kommen mit einem blauen Auge durch einen Entzug, und haben mehr oder weniger starke Entzugssymptome, können das aber irgendwie aushalten, und es geht ihnen danach wieder langsam besser, und es gibt aber auch Menschen, die bei einem Entzug wirklich alles durchmachen, und das in schwerster Form.
Schuld fast immer dass man es macht wie es einem die Ärzte sagen, oder wie en in Entzugskliniken gemacht wird - ruckzuck schnell weg mit dem Benzo.
Innerhalb weniger Wochen wird entzogen, und der Körper läuft dann Amok.
Man wird zwar benzofrei entlassen, aber die Hölle beginnt erst danach zu Hause. weshalb die meisten wieder eindosieren, und dann oft noch mehr brauchen als vorher da man es sonst gar nicht aushält.
Es passiert auch manchmal dass man nach einem zu schnellen Entzug selbst das Benzo nicht mehr richtig verträgt, und dann nicht mehr mit und nicht mehr ohne aushält.
Dein Zentralnervensystem ist durch den Entzug völlig out of control. Alle Körpersysteme laufen Amok. Das ist Gott sei Dank nur bei wenigen Menschen, so ausgeprägt, aber es ist durchaus bekannt in der Literatur über Medikamenten -Entzugssyndrom.
Ärzte bagatellisieren das gerne, weil sie es selbst wahrscheinlich nie selbst durchgemacht haben.
LT. Lehrbuch, soll man ja einfach nur alle paar Tage die Dosis halbieren und dann weglassen. In 10-maximal 14 Tagen werden sogar hohe Dosen Benzo entzogen im klinischen Bereich. Der Patient wird benzofrei entlassen, und keinen interessiert es mehr wie es danach zu Hause geht.
Zum Deckeln werden zig andere neue Psychopharmaka verschrieben, die bei einem so gereizten ZNS aber absolut nichts bringen, weil sie nur neu reizen.
Du mußt dir das so vorstellen, dass bei PP-Einnahme bestimmte Rezeptoren im Gehirn belegt werden. das passiert so nach und nach bis die volle Belegung da ist. Wenn der "Stoff" aber wegfällt, dann muß das Gehir erst wieder alles neu umbauen, das ist ein heftiger Vorgang, und bringt vieles Durcheinander. Mit einem neuen PP beginnt eine neue Belegung, und alles wird noch mehr durcheinander.
Es ist einem kotzübel, man kann nicht essen, Durchfälle, BD Schwankungen, Herzrasen, Kribbeln, Schwindel, furchtbare Unruhe, kein Schlaf, und und und - die Liste ist unendlich was es alles gibt im Entzug.
Oft kommen dann Pat. wieder nahezu psychotisch in eine Notfallsklinik, bekommen wieder neue Medikamente, die aber natürlich nicht wirken, denn ein brennendes Haus kann man nicht mit neuem Feuer löschen.
Ich habe mich jahrelang mit diesem Thema auseinandergesetzt, weil ich selbst betroffen war, und man niemandem erklären kann wie es einem im Entzug geht, wenn man nicht der "Norm" entspricht, und man mehr leidet und länger zu kämpfen hat, als andere.
Ich kann dir nur raten dir einen verständnisvollen Arzt mit ins Boot zu holen, der dir lange genug ein langwirksames Benzo (Diazepam) verschreibt, um einen sehr langsamen Entzug mitzumachen, also dir die ganze Zeit über Rezepte ausstellt, notfalls soll er das als Privatrezept machen, wenn er Probleme befürchtet. Am besten geht es mit Tropfen, die kann man wirklich langsam absetzen.
Primär geht es bei dir jetzt aber um Stabilisierung.
Du solltest mit einem langwirksamen Benzo eine Dosis finden, bei der du dich halbwegs fangen kannst. Ohne erstmal den Druck dass du absetzen mußt. Erstmal nur stabilisieren. Denn nur wenn man stabil ist kann man redizieren.
Ich weiß nicht wie hoch deine letzte Tavordosis ist - davon dann die Äquivalendosis berechnen.
1mg Tavor sind z.B. 10 mg Diazepam.
Diazepam ist ein Spiegelmedikament, es dauert also ca. 5 Tage bis sich ein gut wirksamer Spiegel aufgebaut hat.
Es beruhigt zwar schon mit den ersten Einnahmen, aber es dauert ein paar Tage bis es richtig gut wirkt.
Gut wäre eine Einnahme 3x am Tag zu Beginn, also die Dosis aufteilen, damit man erstmal die Zwischenentzüge abfedert, die du sicher mit Tavor schon hattest. Man gewöhnt sich schnell dran, und die Wirkungs läßt dann im Tagesverlauf nach, und man müßte immer wieder nachlegen. Ein Teufelskreis.
Das ist mit Diazepam besser, es gibt keine Zwischenentzüge.
Unbedingt einen Arzt suchen, der dir ausreichend lange Rezepte ausstellt, so ein Entzug in deinem Zustand ist nicht in wenigen Wochen durch, da denkt man in Monaten oder Jahren. Das sollte aber geal sein, man muß ja nur wieder lebensfähig werden.
Ich habe für 10 mg Diazepam 2 Jahre gebraucht um es abzusetzen. Und hatte es vorher "nur" 3 Monate genommen.
Ich habe zuerst Tavor genommen, kam auch schnell in Zwischenentzüge, und habe dann langsam und schrittweise auf Diazepam umgestellt, mich stabilisiert, und dann ca. alles 2-4 Wochen nur 1 Tropfen reduziert.
So kann sich das Gehirn immer ganz langsam an die reduzierte Dosis gewöhnen.
Ich hatte das Glück einen verständnisvollen HA zu haben, der mir die Rezepte ausgestellt hat, und mich in meinem Tempo hat machen lassen.
Ja, der Entzug dauert so länger als die vorherige Einnahme, aber so kann man möglichst schonend absetzen, und man bleibt auch alltagskompatibel. Ja, ich hatte auch Tage wo mir richtig übel war, die Angst den ganzen Tag auf der Lauer lag, ich nicht hochkam, weil ich keine Kraft hatte, und vollkommen verzweifelt war, aber mit dieser langsamen Reduktion bin ich ohne KH durchgekommen.
Ich habe täglich dokumentiert wie es mir geht, und irgendwann erkennt man ein Muster. Am wievielten Tag der Reduktion es einem nicht so gut geht, und wann es dann wieder besser wird.
Es sind Wellen und Täler im Entzug, man muß sich drauf einstellen, dass es holperig werden kann, aber es ist auf diese Art zu schaffen.
Was hilft einem ein stationärer Entzug wo hopplahopp entzogen wird, und man es dann zu Hause nicht mehr schafft sein Leben aufrecht zu halten.
Sehr informativ sind Berichte und Erfahrungen von Betroffenen auf PsyAb. Einem Absetzforum.
Viel nachlesen von Erfahrungen kann man auch im mittlerweile geschlossenen Forum ADFD. Die Berichte sind aber alle noch offen und nachzulesen.
Ich wünsche dir alles Gute, und glaub mir, du bist nicht allein!