Naja, als wir uns trafen und ich sein kantiges Gesicht gesehen habe, kannten wir uns ja schon eine Woche lang.
Da kannte ich aber nur seine Stimme, seine Art, und seine tiefsinnigen Geschichten und Gedichte. Für mich war also klar, dass er sehr interessant und selbstbewusst ist.
Ich denke nicht, dass sein Aussehen groß was an meinem Interesse und meiner Zuneigung geändert hätte.
Klar war das ein Bonus, dass er dann auch noch sauber aussah, sich zu kleiden wusste. Aber meiner Meinung nach ist das nicht Ausschlag gebend. Mein Ex z.B., der war erst 25 und hatte schon Geheimratsecken und kaum mehr Haare am Kopf, dafür Haare am Rücken und an der Brust und überall, und nen Bauch hatte er auch. Hat mich nie gestört. Hab mich nie deswegen von ihm getrennt, sondern nur, weil ich auf Dauer die Entfernung und seine depressive Grundhaltung nicht ertragen habe. Das war der Trennungsgrund für mich damals. Sein Aussehen hatte damit rein gar nichts zu tun. Und als ich mit ihm zusammen kam, war er einfach ein netter Typ, der für mich da war, wenn ich ihn brauchte, der actionreiche hobbies hatte und Humor. Der mir Komplimente machte und mich gegen Andere verteidigte. Da waren mir die Geheimratsecken und der Waschbärbauch egal Das Innere zählte.
Übrigens weiß ich nicht, woher mein jetziger Freund sein Selbstbewusstsein hat. Seine Familie ist tyrannisch und einengend, kalt, lieblos, wie eine Zweckgemeinschaft, keine Familie halt. In der Schule war er stets der Außenseiter. Wurde gemobbt und fertig gemacht. Bis zum Abitur fast. Auch er hat ne schlimme Krankheit hinter sich. Er lag wochenlang auf der Intensuvstation und wog kaum noch was, war dem Tod teilweise näher als dem Leben.
Und trotzdem strotzt er nur so vor Kraft, Energie und Selbstvertrauen.
Selbstvertrauen kann man lernen. Egal, wie viele negative Erlebnisse und egal, wie viel negatives Feedback man vorher bekommen hat.
Man kann es lernen.
Vielleicht macht es auch wenig Sinn, wenn du dich am Aussehen ständig aufhängst. An seinem Aussehen kann man wenig ändern. Es sei denn jetzt, man unterzieht sich einigen Schönheits-OPs.
Wobei Schönheit eh immer im Auge des Betrachters liegt.
Ich wollte mir, als ich 16 war, z.B. immer meine Nase weg operieren lassen. Ich fand mich entsetzlich hässlich!
Heute mag ich mich, wie ich bin.
An meinem Aussehen hat sich seitdem nichts geändert, an meiner inneren Einstellung zu mir selber und dem Leben aber wohl.
Und plötzlich ist meine Nase okay. Einfach, weil ich gelernt hab, mich selber zu akzeptieren.
Es macht wenig Sinn, sich an Dingen aufzuhängen und über Dinge nachzudenken, an denen man nichts ändern kann.
Wie am Aussehen also.
Mehr Sinn macht es, sich den Dingen im Leben zuzuwenden, auf die man auch Einfluss hat. Wie die innere Einstellung etwa, seine eigene Zufriedenheit
Ich kam hierher wegen Panikattacken, ich hab den Gedanken einfach nicht ertragen, dass Menschen einfach so sterben können, dass man einfach so was Schlimmes erleben kann.. dass man keine Sicherheit hat. Hab mich auch an Dingen aufgehängt, auf die ich keinerlei Einfluss hab. Und das hat meine Seele krank gemacht.
Heut find ich den Gedanken immer noch erschreckend, dass ich am Tod nix ändern kann -aber ich hab akzeptiert, dass es nichts nutzt, sich unveränderlichen Fakten zuzuwenden und über sie nachzudenken. Denn dadurch ändert sich ja nix.
Seit ich mich nur noch realen Problemen und deren Lösung zuwende, also Dingen, auf die ich auch einen Einfluss habe, geht's mir wieder gut
ich mag nicht altklug erscheinen, aber ich glaube, dass du dich gedanklich nur im Kreis drehst, wenn du dich immer wieder am Aussehen anstößt und festklammerst. Dein Aussehen kannst du nicht ändern.
(Jeder kann was aus sich machen und auf sein Aussehen achten, aber das ist was Anderes. Den Körper selber kann man nicht ändern.)
Ich denke, dass dich das so nicht weiter bringt.. da drehst du dich ewig im Kreis, ohne jemals ein Ziel zu erreichen.
Schlag nen Weg ein, den du auch gehen kannst, wo du was bewegen und was verändern kannst.
Indem du den Blick einfach mal nach Innen wendest und dort anpackst, wo du echt was bewegen und verändern kannst.
Ich glaube, so kann man sich viel mehr entwickeln und kommt viel weiter.
Lern, dich zu mögen, lern deine guten Eigenschaften kennen. Schreib dir notfalls deine Stärken auf und lies sie dir jeden Tag selber vor. Zieh was durch, pack was an, beginne was Neues. Geb deinem Leben, das dir scheinbar so leer vorkommt, einen Sinn.
Lach auch mal wieder einfach unbefangen und einfach so, nicht nur aus Höflichkeit oder Zwang.
Lern dich selber und das Leben lieben.
Ich glaube, das würde dir mehr helfen als jede Diskussion über den gefühlten oder tatsächlichen Zusammenhang zwischen dem Aussehen eines Menschen und seiner Kontaktfähigkeit.
Du kannst freilich auch jeden Tag weiter sinnieren darüber, dass schöne Menschen mehr Erfolg haben und wie ungerecht das eigentlich ist.
Ja, das Leben ist ungerecht. Es ist nicht immer schön.
Aber es ist auch das Einzige, was wir haben.
Und darum ist es wert, dass man das Beste draus macht.
Dass man aus den vollen schöpft und schaut, was das Leben hergibt -und es sich nimmt.
Wir haben eh alle bloß eine Chance.
Eine Fahrt quasi auf der Erde im Zug des Lebens.
Ich hab auch viel Zeit nörgelnd und in Selbstmitleid versunken und meine Opferrolle genießend hinten im dunklen Gepäckwagen verbracht und durch die Türe den Anderen beim Feiern zugeschaut.
Aber darauf hab ich keine Lust mehr.
Jetzt misch ich mich einfach unter sie, häng den Kopf aus dem Fenster und genieß den Fahrtwind.
Immerhin hab auch ich nur diese eine Fahrt.
Und ich genieß sie jetzt endlich einfach.
Und jeder Andre sollte das auch tun.
Das Leben ist zu wertvoll und zu schön, um es in Ängsten und Zweifeln zu verbringen. Das Leben hat nämlich für mich bloß einen Sinn:
Es verdammt nochmal zu leben.
Man hat immer die Möglichkeit, was zu ändern.
Meistens hat man sogar ganz viele Möglichkeiten, was zu ändern.
Man muss sie nur sehen lernen.
Und dann den Mut haben, sie auch zu nutzen.