E
EarlGrey
Mitglied
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Disclaimer
Ich erzähle hier meine Geschichte, um anderen Betroffenen zu helfen und neuen Mut zu
geben. Ich selbst bin weder Arzt noch Psychologe und berichte lediglich von meinen
persönlichen Erfahrungen.
Meine Geschichte
Ich kämpfte 4 Jahre lang mit einer Krankheitsangststörung. Auslöser dafür waren
massive Ängste infolge der Corona-Pandemie. Was zunächst als spezifische Angst vor
dem neuartigen Virus begann, entwickelte sich zu einer allgemeinen Hypochondrie.
Diese ging Hand in Hand mit einem bunten Strauß körperlicher Symptome. Im ersten
Jahr meiner Erkrankung verbrachte ich viel Zeit in Arztpraxen. Trotz umfangreicher
Untersuchungen konnte nie etwas Auffälliges festgestellt werden. Am Ende bekam ich
die Diagnose Hypochondrie und fing eine Verhaltenstherapie an. Ich begann zu
verstehen, dass meine Beschwerden eine körperliche Reaktion auf meine Ängste und
Grübeleien sind. Ich machte langsam Fortschritte, musste auf meinem Weg aber auch
zahlreiche Rückschläge einstecken. Heute führe ich ein glückliches Leben und bin
weitgehend beschwerdefrei.
Krankheitsbild
Die Angst verhielt sich wie ein Gestaltwandler, der immer wieder im neuen Gewand
daherkam. Ebenso facettenreich waren meine körperlichen Reaktionen. Es gibt keine
Körperregion, die im Laufe meiner „Hypochonder-Karriere“ nicht in irgendeiner Form
betroffen war. Hier eine Liste meiner Symptome:
• Herzrasen
• Gefühl von Kreislaufschwäche
• Benommenheitsschwindel, Gefühl wie Watte im Kopf
• Kopfschmerzen
• Gesichtsschmerzen
• Kieferschmerzen
• „Knoten-im-Hals“-Gefühl
• Ohrenschmerzen, Druck auf den Ohren
• Ohrengeräusche, Tinnitus
• Kurzzeitige Sehstörungen
• Schlafstörungen
• Brustschmerzen, Druckgefühl auf der Brust
• Gefühl, schlecht Luft zu bekommen
• Kribbeln im Körper
• Taubheitsgefühle an Armen und Beinen
• Gefühl, unter Strom zu stehen
• Fremdartigkeitsgefühl
• Bauchschmerzen
• Unterleibsschmerzen
• Gelenkschmerzen
• Rückenschmerzen
• Schmerzen in Armen, Beinen und Füßen
Wie wir sehen können, habe ich nicht viel ausgelassen. Manche Symptome
verflüchtigten sich nach kurzer Zeit wieder, andere konnten über Wochen und Monate
anhalten und waren vom Aufwachen bis zum Einschlafen meine täglichen Begleiter. Es
gab Phasen relativer Ruhe und Phasen, in denen ich mich mit starken Beschwerden
durch den Tag geschleppt habe.
Alles nur die Psyche?
Sind meine Beschwerden rein psychosomatischer Natur oder steckt doch eine bisher
nicht diagnostizierte Erkrankung dahinter? Ständig grübelte ich über diese Frage. Diese
Angst begleitete mich vor allem bei neu auftretenden, hartnäckigen oder besonders
starken Beschwerden. Mit der Zeit lernte ich, dass die Beschwerden nicht willkürlich
auftreten, sondern bestimmten Mustern folgen:
Nachtabsenkung
Im Laufe des Abends besserte sich mein Befinden in aller Regel. Die relative Ruhe hielt
bis zum nächsten Morgen an. Nach dem Aufstehen verstärkten sich die Empfindungen
allmählich wieder. Dieser Effekt trat nicht immer auf, typischerweise dann nicht, wenn
das Einschlafen von starken Ängsten überlagert war.
Wechselseitige Verdrängung
Häufig bemerkte ich, dass sich Symptome wechselseitig verdrängen. Das funktionierte
nach dem immer gleichen Muster: Eine Zeit lang litt ich an Symptom A. Durch einen
bestimmten Auslöser wanderte die Aufmerksamkeit auf eine andere Körperregion.
Symptom B trat auf. Symptom A war plötzlich kaum noch wahrnehmbar, als wäre nie
etwas gewesen.
Ärztliche Befunde
Medizinische Befunde hatten direkt Einfluss auf mein körperliches Befinden. In vielen
Fällen führte dies zumindest vorübergehend zu einer Besserung.
• Nach einer Impfung hatte ich Angst vor einer sehr seltenen Nebenwirkung. Ich
entwickelte Brustschmerzen und Herzrasen. Nachdem der Arzt mir bescheinigte,
dass alles in Ordnung ist, waren die Symptome wie weggeblasen.
• Über Monate hinweg hatte ich mit andauernden Kopfschmerzen zu tun. Mein
Neurologe diagnostizierte diese als angst- und stressbedingt. Obwohl ich wusste,
dass pathologische Ursachen sehr unwahrscheinlich sind, konnte ich mich nicht
gänzlich von meinen Angstgedanken lösen. Erst als eine weitere Untersuchung
Entwarnung gab, verschwanden die Schmerzen, wenn auch nicht nachhaltig.
Umgekehrt kann es zum Nocebo-Effekt kommen. Einmal erlebte ich nach einem
ärztlichen Befund eine massive Verschlechterung. Erst nachdem ein weiterer Arzt den
Erstbefund korrigierte, verschwanden die Beschweren allmählich wieder.
Situative Verschlechterung
In bestimmten Situationen nahm ich körperliche Empfindungen besonders deutlich
wahr. Eine typische Situation waren Flugreisen. Was wäre, wenn es mir an Bord plötzlich
schlecht geht? Wer könnte mir schon helfen? Wenig überraschend wurden solche
Sorgen zur selbsterfüllenden Prophezeiung.
Bezug zu Auslösern
In sehr vielen Fällen konnte ich körperliche Symptome auf bestimmte Auslöser
zurückführen. Typische Auslöser sind:
• Angstzustände, Grübeln
• Eigenrecherche zum Thema Krankheit, v.a. im Netz
• Krankheitsgeschichten anderer Personen
• Medizinische Themen in den Medien
• Unangenehme, aber harmlose körperliche Empfindungen
• Bagatellunfälle
Entspannungsübungs-Effekt
Meditationen oder Achtsamkeitsübungen hatten einen heilsamen Effekt. Ich konnte
Symptome spürbar abschwächen oder sogar ganz loswerden.
Zusammenfassung
Die genannten Muster legen nahe, dass meine körperlichen Symptome eine direkte
Folge gesundheitlicher Ängste und übersteigerter Körperfokussierung waren. Vor meiner
Erkrankung dachte ich, die Psyche sei eher ein „weicher Faktor“. Heute weiß ich, dass
das eine falsche Vorstellung war.
Es gibt eine schöne Metapher aus der Literatur. Nach meiner Erfahrung verhalten sich
psychosomatische Symptome wie der Irrwicht aus der Harry Potter-Saga. Dieser nimmt
stets die Gestalt an, vor der sich die mit ihm konfrontierte Person am meisten fürchtet.
Seine Wirkung verpufft aber, sobald es der Person gelingt, ihn nicht mehr ernst zu
nehmen.
Tipps
Das sollt ihr unbedingt vermeiden
Einige Verhaltensweisen haben mir sehr geschadet. Ich möchte diese an der Stelle
aufzählen, um euch davor zu bewahren, die gleichen Fehler zu machen.
Selbstrecherche im Internet
Es gab Zeiten, da war „Dr. Google“ mein ständiger Begleiter. Anstatt die erhoffte
Aufklärung zu bekommen, habe ich meine Ängste massiv befeuert. Mehr als einmal
weckte ich durch die Selbstrecherche schlafende Hunde, die sich nur schwer wieder
einzufangen ließen. Darum ist „Dr. Google“ so kritisch:
• Die Symptome vieler Erkrankungen sind unspezifisch. Gesundheitsinformationen
im Netz sind oft allgemein gehalten und nicht immer gut abgegrenzt. Gerade
ängstliche Menschen können sich schnell darin wiederfinden.
• Egal nach welchem Symptom ihr sucht, ihr werdet fast immer mindestens eine
ernste Ursache finden.
• Schwere Erkrankungen werden im Netz oft prominenter dargestellt als harmlose
Wehwehchen. In der Folge kommt es zu einer verzerrten Wahrnehmung.
Statt selbst zu recherchieren, empfehle ich den Ärzten zu vertrauen. Faustregel: Ich
mache mir keine Sorgen solange sich die Ärzte keine machen. Eventuell kann man auch
Mediziner im Bekanntenkreis um Rat bitten.
Beschäftigung mit Krankheiten
Als gesundheitsängstliche Personen solltet ihr euch so wenig wie möglich mit dem
Thema Krankheiten auseinandersetzen. Das Risiko dadurch neue Ängste auszulösen ist
hoch. Mehrfach habe ich Leidensgeschichten anderer Menschen unfreiwillig auf mich
bezogen. Das solltet ihr konkret vermeiden:
• Konsum medizinischer Medieninhalte
• Konsum von Arzt- oder Krankenhausserien
• Vermeidet Gespräche über Krankheitsthemen, vor allem mit Menschen, die dazu
neigen eigene oder fremde gesundheitliche Probleme übermäßig zu
thematisieren oder dramatisch darzustellen. Dazu zählen insbesondere auch
virtuelle Bekannte in sogenannten „Selbsthilfe“-Foren im Netz.
Mein Psychologe gab mir damals den folgenden Tipp:
Beschäftigen Sie sich nicht mit dem, was sie krank machen könnte, sondern mit
Verhaltensweisen, die Sie gesund halten!
Ständige Arzttermine
Vor allem am Anfang meiner Angsterkrankung fand ich mich häufig in Wartezimmern
wieder. Ich litt an unklaren und wechselnden Symptomen und entwickelte ein starkes
Bedürfnis nach ärztlicher Abklärung und Rückversicherung.
Die erhoffte Beruhigung war meist nicht von langer Dauer und die Angst suchte sich
neue Wege. Das ist vergleichbar mit der Hydra aus der griechischen Mythologie: Für
jeden Kopf, den man ihr abschlägt, wachsen zwei neue nach. Langsam verstand ich,
dass die Suche nach körperlichen Ursachen mich nur davon abhielt, das eigentliche
Problem anzugehen.
Der Ärztemarathon bringen ein weiteres Risiko mit sich – die Gefahr der Überdiagnostik.
In manchen Fällen kann es zu unklaren Nebenbefunden kommen, die neue Ängste und
Grübeleien auslösen können.
Ich habe mir folgende Faustformel zum Einholen von ärztlichem Rat angeeignet:
• Bei neuartigen, akuten Beschwerden
• Bei langanhaltenden, unklaren Beschwerden
Mein Psychologe empfahl mir, erst nach Ablauf einer bestimmten Wartezeit einen
Termin zu vereinbaren. Anhand der Muster aus dem Abschnitt Alles nur die Psyche?
konnte ich mir in vielen Fällen selbst weiterhelfen. In manchen Fällen bin ich meine
Sorgen allerdings nur mit ärztlicher Schützenhilfe losgeworden.
Es ist in Ordnung, sich Rat zu holen. Wenn euch Mediziner aber wiederholt versichern,
dass eure Befürchtungen unbegründet sind, dann ergibt es keinen Sinn, weiter von Arzt
zu Arzt zu laufen.
Negative Glaubenssätze
Ich litt über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren an sehr häufigen, phasenweise
chronischen Kopfschmerzen. Über Monate hinweg bin ich damit aufgestanden und
eingeschlafen. Ein häufiger Gedanke war: „Meine Schmerzen gehen vielleicht nie wieder
weg und ich muss jetzt damit leben". Dieser Glaubenssatz wurde wenig überraschend
durch Eigenrecherche im Netz stark befeuert.
Heute fühlt sich mein Kopf wieder frei an. Kopfschmerzen sind sehr selten geworden.
Rückblickend betrachtet wurde die Angst vor der Chronifizierung zur selbsterfüllenden
Prophezeiung. Das gleiche Muster beobachtete ich auch bei anderen Symptomen.
Was mir wirklich geholfen hat
Hier zeige ich euch, was mir wirklich geholfen hat.
Professionelle Hilfe
Ich rate auf jeden Fall dazu, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich machte
mehrere Jahre eine Verhaltenstherapie. Der Psychologe war ein unabhängiger und
kompetenter Ansprechpartner, der mich gut auf dem Weg durch diese schwere Zeit
unterstützt hat. Daneben gibt es auf YouTube viele gute Kanäle zum Thema
Psychosomatik. Auch KI-Bots können hilfreiche Tipps geben.
Am Leben teilnehmen
Ich habe immer versucht, am Leben teilzunehmen, auch wenn mir nicht danach war. Ich
traf weiterhin meine Freunde und ging mit meiner jetzigen Frau mehrmals im Jahr auf
Reisen. Ich hatte jeden Tag Beschwerden in irgendeiner Form, auch während der Arbeit.
Ich ließ mich trotzdem nicht krankschreiben. Das kostete oft Überwindung, aber
zuhause wäre es mir eben auch nicht besser gegangen. Ich glaube, dass es wichtig ist,
Aufgaben zu finden und sich abzulenken. In der Leere können sich negative Gedanken
leicht verstärken.
Sport und Bewegung
Es gab Phasen, in denen hatte ich Angst, mich körperlich zu belasten. Tat ich es
dennoch, ging es mir danach durch intensives „In-sich-hineinhorchen“ oft tatsächlich
schlechter als vorher. Ich fing an, intensive Sportarten wie Joggen zu vermeiden.
Stattdessen machte ich ausgedehnte Spaziergänge, ging Schwimmen, Wandern oder
Fahrrad fahren. Körperliche Aktivität half mir, das Vertrauen in meinem Körper
zurückzugewinnen. Heute kann ich ohne Hintergedanken wieder schnell laufen oder auf
Berggipfel wandern. Schonung ist nicht die richtige Antwort. Stattdessen empfehle ich,
sich Schritt für Schritt zu steigern.
Meditationen
Ich lernte, körperliche Beschwerden gezielt durch Entspannungsübungen
abzuschwächen oder loszuwerden. Als wirksam haben sich dabei Meditationen und
Achtsamkeitsübungen erwiesen. Ziel ist es, den Fokus weg von Ängsten und
körperlichen Symptomen zu lenken. Eine spürbare Besserung trat in manchen Fällen
schon nach 10 Minuten ein. In anderen Fällen brauchte ich viele Anläufe, bis sich erste
Erfolge zeigten. Man darf nicht aufgeben. Sobald ich das Gefühl hatte, die Beschwerden
mental kontrollieren zu können, verloren sie ihren Schrecken und verschwanden
allmählich. Besonders hilfreich fand ich die geführten Meditationen auf dem YouTube
Kanal von Peter Beer. Auf seinem Kanal findet ihr auch gute Videos zum Thema
Loslassen von Ängsten und negativen Gedanken.
Ein Wort zu Medikamenten
Ich entschied mich gegen eine Therapie mit verschreibungspflichtigen Medikamenten
und bin damit gut gefahren. Ich glaube nicht, dass diese mein Problem gelöst hätten. Ich
probierte aber mehrere freiverkäufliche Mittel. Die meisten davon erwiesen sich als
wirkungslos. Lediglich bei Passionsblumenkraut fühlte ich einen leichten
Beruhigungseffekt.
Ende gut, alles gut?
Bin ich heute also vollständig geheilt? Zur Wahrheit gehört, dass es Momente gibt, in
denen gesundheitliche Ängste begleitet von körperlichen Empfindungen wieder aufflammen.
Im Gegensatz zu früher sind diese aber meist flüchtig und geringfügig. Bin ich also wieder
„ganz der Alte“? Die Antwort lautet nein, und das ist gut so. Meine Angsterkrankung hat
Schwächen in meinem alten Ich schonungslos aufgezeigt. Heute achte ich mehr auf
mich und führe ein bewussteres Leben.
Ich erzähle hier meine Geschichte, um anderen Betroffenen zu helfen und neuen Mut zu
geben. Ich selbst bin weder Arzt noch Psychologe und berichte lediglich von meinen
persönlichen Erfahrungen.
Meine Geschichte
Ich kämpfte 4 Jahre lang mit einer Krankheitsangststörung. Auslöser dafür waren
massive Ängste infolge der Corona-Pandemie. Was zunächst als spezifische Angst vor
dem neuartigen Virus begann, entwickelte sich zu einer allgemeinen Hypochondrie.
Diese ging Hand in Hand mit einem bunten Strauß körperlicher Symptome. Im ersten
Jahr meiner Erkrankung verbrachte ich viel Zeit in Arztpraxen. Trotz umfangreicher
Untersuchungen konnte nie etwas Auffälliges festgestellt werden. Am Ende bekam ich
die Diagnose Hypochondrie und fing eine Verhaltenstherapie an. Ich begann zu
verstehen, dass meine Beschwerden eine körperliche Reaktion auf meine Ängste und
Grübeleien sind. Ich machte langsam Fortschritte, musste auf meinem Weg aber auch
zahlreiche Rückschläge einstecken. Heute führe ich ein glückliches Leben und bin
weitgehend beschwerdefrei.
Krankheitsbild
Die Angst verhielt sich wie ein Gestaltwandler, der immer wieder im neuen Gewand
daherkam. Ebenso facettenreich waren meine körperlichen Reaktionen. Es gibt keine
Körperregion, die im Laufe meiner „Hypochonder-Karriere“ nicht in irgendeiner Form
betroffen war. Hier eine Liste meiner Symptome:
• Herzrasen
• Gefühl von Kreislaufschwäche
• Benommenheitsschwindel, Gefühl wie Watte im Kopf
• Kopfschmerzen
• Gesichtsschmerzen
• Kieferschmerzen
• „Knoten-im-Hals“-Gefühl
• Ohrenschmerzen, Druck auf den Ohren
• Ohrengeräusche, Tinnitus
• Kurzzeitige Sehstörungen
• Schlafstörungen
• Brustschmerzen, Druckgefühl auf der Brust
• Gefühl, schlecht Luft zu bekommen
• Kribbeln im Körper
• Taubheitsgefühle an Armen und Beinen
• Gefühl, unter Strom zu stehen
• Fremdartigkeitsgefühl
• Bauchschmerzen
• Unterleibsschmerzen
• Gelenkschmerzen
• Rückenschmerzen
• Schmerzen in Armen, Beinen und Füßen
Wie wir sehen können, habe ich nicht viel ausgelassen. Manche Symptome
verflüchtigten sich nach kurzer Zeit wieder, andere konnten über Wochen und Monate
anhalten und waren vom Aufwachen bis zum Einschlafen meine täglichen Begleiter. Es
gab Phasen relativer Ruhe und Phasen, in denen ich mich mit starken Beschwerden
durch den Tag geschleppt habe.
Alles nur die Psyche?
Sind meine Beschwerden rein psychosomatischer Natur oder steckt doch eine bisher
nicht diagnostizierte Erkrankung dahinter? Ständig grübelte ich über diese Frage. Diese
Angst begleitete mich vor allem bei neu auftretenden, hartnäckigen oder besonders
starken Beschwerden. Mit der Zeit lernte ich, dass die Beschwerden nicht willkürlich
auftreten, sondern bestimmten Mustern folgen:
Nachtabsenkung
Im Laufe des Abends besserte sich mein Befinden in aller Regel. Die relative Ruhe hielt
bis zum nächsten Morgen an. Nach dem Aufstehen verstärkten sich die Empfindungen
allmählich wieder. Dieser Effekt trat nicht immer auf, typischerweise dann nicht, wenn
das Einschlafen von starken Ängsten überlagert war.
Wechselseitige Verdrängung
Häufig bemerkte ich, dass sich Symptome wechselseitig verdrängen. Das funktionierte
nach dem immer gleichen Muster: Eine Zeit lang litt ich an Symptom A. Durch einen
bestimmten Auslöser wanderte die Aufmerksamkeit auf eine andere Körperregion.
Symptom B trat auf. Symptom A war plötzlich kaum noch wahrnehmbar, als wäre nie
etwas gewesen.
Ärztliche Befunde
Medizinische Befunde hatten direkt Einfluss auf mein körperliches Befinden. In vielen
Fällen führte dies zumindest vorübergehend zu einer Besserung.
• Nach einer Impfung hatte ich Angst vor einer sehr seltenen Nebenwirkung. Ich
entwickelte Brustschmerzen und Herzrasen. Nachdem der Arzt mir bescheinigte,
dass alles in Ordnung ist, waren die Symptome wie weggeblasen.
• Über Monate hinweg hatte ich mit andauernden Kopfschmerzen zu tun. Mein
Neurologe diagnostizierte diese als angst- und stressbedingt. Obwohl ich wusste,
dass pathologische Ursachen sehr unwahrscheinlich sind, konnte ich mich nicht
gänzlich von meinen Angstgedanken lösen. Erst als eine weitere Untersuchung
Entwarnung gab, verschwanden die Schmerzen, wenn auch nicht nachhaltig.
Umgekehrt kann es zum Nocebo-Effekt kommen. Einmal erlebte ich nach einem
ärztlichen Befund eine massive Verschlechterung. Erst nachdem ein weiterer Arzt den
Erstbefund korrigierte, verschwanden die Beschweren allmählich wieder.
Situative Verschlechterung
In bestimmten Situationen nahm ich körperliche Empfindungen besonders deutlich
wahr. Eine typische Situation waren Flugreisen. Was wäre, wenn es mir an Bord plötzlich
schlecht geht? Wer könnte mir schon helfen? Wenig überraschend wurden solche
Sorgen zur selbsterfüllenden Prophezeiung.
Bezug zu Auslösern
In sehr vielen Fällen konnte ich körperliche Symptome auf bestimmte Auslöser
zurückführen. Typische Auslöser sind:
• Angstzustände, Grübeln
• Eigenrecherche zum Thema Krankheit, v.a. im Netz
• Krankheitsgeschichten anderer Personen
• Medizinische Themen in den Medien
• Unangenehme, aber harmlose körperliche Empfindungen
• Bagatellunfälle
Entspannungsübungs-Effekt
Meditationen oder Achtsamkeitsübungen hatten einen heilsamen Effekt. Ich konnte
Symptome spürbar abschwächen oder sogar ganz loswerden.
Zusammenfassung
Die genannten Muster legen nahe, dass meine körperlichen Symptome eine direkte
Folge gesundheitlicher Ängste und übersteigerter Körperfokussierung waren. Vor meiner
Erkrankung dachte ich, die Psyche sei eher ein „weicher Faktor“. Heute weiß ich, dass
das eine falsche Vorstellung war.
Es gibt eine schöne Metapher aus der Literatur. Nach meiner Erfahrung verhalten sich
psychosomatische Symptome wie der Irrwicht aus der Harry Potter-Saga. Dieser nimmt
stets die Gestalt an, vor der sich die mit ihm konfrontierte Person am meisten fürchtet.
Seine Wirkung verpufft aber, sobald es der Person gelingt, ihn nicht mehr ernst zu
nehmen.
Tipps
Das sollt ihr unbedingt vermeiden
Einige Verhaltensweisen haben mir sehr geschadet. Ich möchte diese an der Stelle
aufzählen, um euch davor zu bewahren, die gleichen Fehler zu machen.
Selbstrecherche im Internet
Es gab Zeiten, da war „Dr. Google“ mein ständiger Begleiter. Anstatt die erhoffte
Aufklärung zu bekommen, habe ich meine Ängste massiv befeuert. Mehr als einmal
weckte ich durch die Selbstrecherche schlafende Hunde, die sich nur schwer wieder
einzufangen ließen. Darum ist „Dr. Google“ so kritisch:
• Die Symptome vieler Erkrankungen sind unspezifisch. Gesundheitsinformationen
im Netz sind oft allgemein gehalten und nicht immer gut abgegrenzt. Gerade
ängstliche Menschen können sich schnell darin wiederfinden.
• Egal nach welchem Symptom ihr sucht, ihr werdet fast immer mindestens eine
ernste Ursache finden.
• Schwere Erkrankungen werden im Netz oft prominenter dargestellt als harmlose
Wehwehchen. In der Folge kommt es zu einer verzerrten Wahrnehmung.
Statt selbst zu recherchieren, empfehle ich den Ärzten zu vertrauen. Faustregel: Ich
mache mir keine Sorgen solange sich die Ärzte keine machen. Eventuell kann man auch
Mediziner im Bekanntenkreis um Rat bitten.
Beschäftigung mit Krankheiten
Als gesundheitsängstliche Personen solltet ihr euch so wenig wie möglich mit dem
Thema Krankheiten auseinandersetzen. Das Risiko dadurch neue Ängste auszulösen ist
hoch. Mehrfach habe ich Leidensgeschichten anderer Menschen unfreiwillig auf mich
bezogen. Das solltet ihr konkret vermeiden:
• Konsum medizinischer Medieninhalte
• Konsum von Arzt- oder Krankenhausserien
• Vermeidet Gespräche über Krankheitsthemen, vor allem mit Menschen, die dazu
neigen eigene oder fremde gesundheitliche Probleme übermäßig zu
thematisieren oder dramatisch darzustellen. Dazu zählen insbesondere auch
virtuelle Bekannte in sogenannten „Selbsthilfe“-Foren im Netz.
Mein Psychologe gab mir damals den folgenden Tipp:
Beschäftigen Sie sich nicht mit dem, was sie krank machen könnte, sondern mit
Verhaltensweisen, die Sie gesund halten!
Ständige Arzttermine
Vor allem am Anfang meiner Angsterkrankung fand ich mich häufig in Wartezimmern
wieder. Ich litt an unklaren und wechselnden Symptomen und entwickelte ein starkes
Bedürfnis nach ärztlicher Abklärung und Rückversicherung.
Die erhoffte Beruhigung war meist nicht von langer Dauer und die Angst suchte sich
neue Wege. Das ist vergleichbar mit der Hydra aus der griechischen Mythologie: Für
jeden Kopf, den man ihr abschlägt, wachsen zwei neue nach. Langsam verstand ich,
dass die Suche nach körperlichen Ursachen mich nur davon abhielt, das eigentliche
Problem anzugehen.
Der Ärztemarathon bringen ein weiteres Risiko mit sich – die Gefahr der Überdiagnostik.
In manchen Fällen kann es zu unklaren Nebenbefunden kommen, die neue Ängste und
Grübeleien auslösen können.
Ich habe mir folgende Faustformel zum Einholen von ärztlichem Rat angeeignet:
• Bei neuartigen, akuten Beschwerden
• Bei langanhaltenden, unklaren Beschwerden
Mein Psychologe empfahl mir, erst nach Ablauf einer bestimmten Wartezeit einen
Termin zu vereinbaren. Anhand der Muster aus dem Abschnitt Alles nur die Psyche?
konnte ich mir in vielen Fällen selbst weiterhelfen. In manchen Fällen bin ich meine
Sorgen allerdings nur mit ärztlicher Schützenhilfe losgeworden.
Es ist in Ordnung, sich Rat zu holen. Wenn euch Mediziner aber wiederholt versichern,
dass eure Befürchtungen unbegründet sind, dann ergibt es keinen Sinn, weiter von Arzt
zu Arzt zu laufen.
Negative Glaubenssätze
Ich litt über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren an sehr häufigen, phasenweise
chronischen Kopfschmerzen. Über Monate hinweg bin ich damit aufgestanden und
eingeschlafen. Ein häufiger Gedanke war: „Meine Schmerzen gehen vielleicht nie wieder
weg und ich muss jetzt damit leben". Dieser Glaubenssatz wurde wenig überraschend
durch Eigenrecherche im Netz stark befeuert.
Heute fühlt sich mein Kopf wieder frei an. Kopfschmerzen sind sehr selten geworden.
Rückblickend betrachtet wurde die Angst vor der Chronifizierung zur selbsterfüllenden
Prophezeiung. Das gleiche Muster beobachtete ich auch bei anderen Symptomen.
Was mir wirklich geholfen hat
Hier zeige ich euch, was mir wirklich geholfen hat.
Professionelle Hilfe
Ich rate auf jeden Fall dazu, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich machte
mehrere Jahre eine Verhaltenstherapie. Der Psychologe war ein unabhängiger und
kompetenter Ansprechpartner, der mich gut auf dem Weg durch diese schwere Zeit
unterstützt hat. Daneben gibt es auf YouTube viele gute Kanäle zum Thema
Psychosomatik. Auch KI-Bots können hilfreiche Tipps geben.
Am Leben teilnehmen
Ich habe immer versucht, am Leben teilzunehmen, auch wenn mir nicht danach war. Ich
traf weiterhin meine Freunde und ging mit meiner jetzigen Frau mehrmals im Jahr auf
Reisen. Ich hatte jeden Tag Beschwerden in irgendeiner Form, auch während der Arbeit.
Ich ließ mich trotzdem nicht krankschreiben. Das kostete oft Überwindung, aber
zuhause wäre es mir eben auch nicht besser gegangen. Ich glaube, dass es wichtig ist,
Aufgaben zu finden und sich abzulenken. In der Leere können sich negative Gedanken
leicht verstärken.
Sport und Bewegung
Es gab Phasen, in denen hatte ich Angst, mich körperlich zu belasten. Tat ich es
dennoch, ging es mir danach durch intensives „In-sich-hineinhorchen“ oft tatsächlich
schlechter als vorher. Ich fing an, intensive Sportarten wie Joggen zu vermeiden.
Stattdessen machte ich ausgedehnte Spaziergänge, ging Schwimmen, Wandern oder
Fahrrad fahren. Körperliche Aktivität half mir, das Vertrauen in meinem Körper
zurückzugewinnen. Heute kann ich ohne Hintergedanken wieder schnell laufen oder auf
Berggipfel wandern. Schonung ist nicht die richtige Antwort. Stattdessen empfehle ich,
sich Schritt für Schritt zu steigern.
Meditationen
Ich lernte, körperliche Beschwerden gezielt durch Entspannungsübungen
abzuschwächen oder loszuwerden. Als wirksam haben sich dabei Meditationen und
Achtsamkeitsübungen erwiesen. Ziel ist es, den Fokus weg von Ängsten und
körperlichen Symptomen zu lenken. Eine spürbare Besserung trat in manchen Fällen
schon nach 10 Minuten ein. In anderen Fällen brauchte ich viele Anläufe, bis sich erste
Erfolge zeigten. Man darf nicht aufgeben. Sobald ich das Gefühl hatte, die Beschwerden
mental kontrollieren zu können, verloren sie ihren Schrecken und verschwanden
allmählich. Besonders hilfreich fand ich die geführten Meditationen auf dem YouTube
Kanal von Peter Beer. Auf seinem Kanal findet ihr auch gute Videos zum Thema
Loslassen von Ängsten und negativen Gedanken.
Ein Wort zu Medikamenten
Ich entschied mich gegen eine Therapie mit verschreibungspflichtigen Medikamenten
und bin damit gut gefahren. Ich glaube nicht, dass diese mein Problem gelöst hätten. Ich
probierte aber mehrere freiverkäufliche Mittel. Die meisten davon erwiesen sich als
wirkungslos. Lediglich bei Passionsblumenkraut fühlte ich einen leichten
Beruhigungseffekt.
Ende gut, alles gut?
Bin ich heute also vollständig geheilt? Zur Wahrheit gehört, dass es Momente gibt, in
denen gesundheitliche Ängste begleitet von körperlichen Empfindungen wieder aufflammen.
Im Gegensatz zu früher sind diese aber meist flüchtig und geringfügig. Bin ich also wieder
„ganz der Alte“? Die Antwort lautet nein, und das ist gut so. Meine Angsterkrankung hat
Schwächen in meinem alten Ich schonungslos aufgezeigt. Heute achte ich mehr auf
mich und führe ein bewussteres Leben.
• • 15.03.2026 x 2 #1
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