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Jochanan
Hallo liebe Silver,

ich war wirklich sehr oft in der Klinik und hatte über mehrere Jahre auch ambulant Therapie, aber es hieß immer, dass ich die Gefühle aushalten und mich daran gewöhnen soll. Ganz ehrlich: Mit den Jahren geht es mir nur immer nur schlechter und nicht besser. Das ist dann so, dass ich nach der Klinik erst einmal paar Monate brauche, um mich zu erholen, da die Konfrontation so schlimm war.

Mir wäre es viel lieber nicht einfach nur auszuhalten, sondern, dass ich meine Einstellung ändere.

Grade weil ich fast ausschließlich nur negative Erfahrungen in der Therapie hatte, versuche ich es im Alleingang. Ich sehe keine andere Möglichkeit. Ich wünschte, es wäre anders. Erst seit kurzem bin ich wieder etwas auf der Suche nach einem Therapeuten. Ich habe gut 10 Jahre gebraucht - aus Angst.

Alleine was die Therapie angeht, weiß ich nicht, was ich machen soll.

Wenn ich wüsste, dass ich zur Klinik gehe und da ein klein wenig meine Probleme gelöst bekomme, zumindest so, dass ich nicht wieder eine Krise erleide oder nicht mehr so extreme Medikamente brauche - dann wäre es traumhaft. Nur habe ich da kein Vertrauen.

Ich kenne Therapie nicht so wie es die meisten hier erleben, als positiv.

Ich danke dir vielmals für deine ausführliche Nachricht, aber offen gesagt, weiß ich nicht, was ich tun soll.

Liebe Grüße

23.08.2019 12:26 • x 1 #21


silverleaf
Lieber Levent,

es tut mir sehr leid, dass Du in Deiner Therapie so schlechte Erfahrungen gemacht hast!
Und ich kann auch Deine Haltung verstehen, erstmal im stationären Bereich nicht mehr konfrontativ arbeiten zu wollen.
Ich drücke Dir weiterhin alle Daumen, dass Du einen Therapeuten findest, der Dir helfen kann!

Ja, diese stationären Aufenthalte sind ein zweischneidiges Schwert, ich hatte auch schon Aufenthalte, aus denen ich ziemlich zerschreddert wieder nach Hause gekommen bin. Und ich war auch schon des Öfteren sehr gefrustet über diese manchmal recht reduzierte therapeutische Quintessenz, dass man das "Aushalten" der Gefühle lernen muss. Ich kann aber für mich sagen, dass ich ganz nach dem Motto "steter Tropfen höhlt den Stein" inzwischen Fortschritte in dem Bereich machen konnte und es inzwischen schon deutlich besser geworden ist. Wie ein Muskel, den man trainiert.
Ich habe erstmal beschlossen, mir für den nächsten stationären Aufenthalt keine Konfrontationen vorzunehmen, sondern zunächst die "emotionale Schmerz-Toleranz" zu erhöhen und an der Stabilität zu arbeiten. Natürlich würde ich gerne etwas konfrontativer arbeiten, aber ich musste für mich feststellen, dass ich soweit noch nicht bin. Ich plane das nach wie vor, aber erst für später. Denn ich glaube nach wie vor fest daran, dass sich die Symptome nur nachhaltig zurückbilden können, wenn man der Vergangenheit konkret "ins Auge blickt", aber nur, wenn man hinreichend stabil ist.

Ich finde es super, dass Du jetzt wieder einen Anlauf unternimmst, es mit einem neuen Therapeuten zu versuchen. Persönlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass einfach nicht aufzugeben die einzige Taktik ist, die mir langfristig weiterhilft. Ich hatte auf meinem therapeutischen Weg auch schon schwierige und wenig hilfreiche Therapeuten, turbulente Klinikaufenthalte, Therapieverfahren, die nicht funktioniert haben, aber es gab auch immer auch die andere Seite der Medaille: hilfreiche Therapeuten, gute Klinikerfahrungen, wirksame Therapieverfahren. Auch wenn es manchmal schwerfällt, immer wieder aufzustehen, auf lange Sicht gibt es nicht wirklich eine Alternative.

Ich denke, dass es hilfreich ist, sich einen offenen Geist zu bewahren und verschiedene Sachen auszuprobieren. Mir war gar nicht bewusst, wie viele verschiedene Möglichkeiten es gibt, sich neben der klassischen ambulanten Einzeltherapie oder der stationären Therapie therapeutisch helfen lassen zu können: ambulante psychiatrische Pflege, eine Anbindung an eine psychiatrische Institutsambulanz, psychiatrische Ergotherapie, Kunsttherapie, Musiktherapie,... Natürlich funktioniert nicht alles gleich gut, aber durch Ausprobieren konnte ich das eine oder andere finden, das mir geholfen hat.

Ich wünsche Dir von Herzen viel Erfolg für Deinen weiteren Weg !
LG Silver

25.08.2019 20:49 • #22


Robinson
Zitat von Jochanan:
Hallo liebe Silver,ich war wirklich sehr oft in der Klinik und hatte über mehrere Jahre auch ambulant Therapie, aber es hieß immer, dass ich die Gefühle aushalten und mich daran gewöhnen soll. Ganz ehrlich: Mit den Jahren geht es mir nur immer nur schlechter und nicht besser. Das ist dann so, dass ich nach der Klinik erst einmal paar Monate brauche, um mich zu erholen, da die Konfrontation so schlimm war.Mir wäre es viel lieber nicht einfach nur auszuhalten, sondern, dass ich meine Einstellung ändere.Grade weil ich fast ausschließlich nur negative Erfahrungen ...


Ich denke kleine Schritte sind hilfreicher als Brechstange.
Leider halte ich mich selbst nicht daran und ich merke es hinterher sehr deutlich.
Ich merke die Angst schon nicht mehr, weil ich sie tief abgespalten habe und deshalb überfordere ich mich auch.
Also Augen zu und Durch führt bei mir nachher zu heftigen somatischer Dekompensation.
Leider lebe ich ja in Exremen: Sehr Isoliert und dann in Therapie volle Dröhnung Leben.
Vielleicht haben wir einfach ein sensibleres Nervenkostüm?
Früher konnte ich das alles noch ab, aber habe auch Pausen mit Alk gemacht. Ohne Alk merkte ich, dass mir dieses Resetten fehlte.
Der Druck so zu funktionieren wie früher ist nicht gut. Bei allem Wollen, es geht bei mir nicht.
Also Akzeptanz ist ganz wichtig.
Leider denkt man dass man was verpasst.

Und anders Denken?
Die Angst ist schneller als das Denken.
Und unter Stress macht man eh keine dauerhaften Lernerfahrung.
Obwohl ich die Modediagnose HSP nicht so mag, es gibt aber Menschen, die sensibler sind.
Wir versuchen wohl so zu sein wie die anderen, Nervlich, aber das geht schief.
Ist es da nicht besser, sich sein Biotop zu suchen, um einigermassen klar zu kommen?
Die Welt nimmt keine Rücksicht auf dich, deshalb versuche ich mich nicht mehr anpassen zu wollen.
Ich habe jetzt Rente beantragt, um Druck zu reduzieren.
Inneren und äusseren Druck. Das hat nichts mit Vermeidung zu tun, sondern Akzeptanz der Grenzen.

Flooding bei Angst klappt zumindest bei mir nicht, weil, wie oben beschrieben, kein Neulernen stattfindet, wenn man überstresst ist. Eher werd ich Retraumatisiert.
Also ganz wichtig: Kleine Schritte und Akzeptieren, dass manches einfach nicht mehr machbar ist.
Den Druck rausnehmen.

26.08.2019 09:42 • #23




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