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Nightstroke
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Ein Jahr in dem ich funktionieren musste (auf eigene Kosten).
Es war das Schuljahr 2007-2008. Damals war ich 14 Jahre alt.
Ich war sensibel, harmoniebedürftig, konfliktscheu. Kein rebellischer Jugendlicher, kein Problemkind. Ich wollte niemandem schaden, wollte dazugehören, wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden, wenn mein Inneres zu laut wurde.
Dieses Jahr war das schrecklichste meiner Schulzeit – nicht wegen der Schule selbst, sondern wegen des Ortes, an dem ich leben musste: einem Internat, das für mich kein Zuhause war, sondern ein Ort permanenter Grenzverletzung.
Ich selbst befand mich zu diesem Zeitpunkt in einer ohnehin vulnerablen Lebensphase. Die Pubertät hatte gerade begonnen, mein inneres Gleichgewicht war fragil, und ich hatte ein starkes Bedürfnis nach Ruhe, Rückzug und Verlässlichkeit. Lesen, Alleinsein und feste Rituale halfen mir, mit Überforderung umzugehen. Ich war kein lauter Jugendlicher, kein Rebell, kein Grenzgänger. Ich war eher still, sensibel und darauf bedacht, Konflikte zu vermeiden.
In den ersten Wochen im Internat war Frau A, die später eine zentrale Rolle spielen sollte, noch nicht anwesend. Die Betreuung übernahmen zunächst Frau B sowie ein stellvertretender Erzieher. Diese Anfangszeit war zwar fremd, aber noch nicht offen belastend. Ich fühlte mich unsicher, ja – aber nicht bedroht. Hier kommen jetzt einige belastende Erinnerungen die hoffentlich milder werden, wenn ich sie mit euch allen teilen kann:
1) Ich saß in meinem Zimmer und war in ein Buch vertieft. Lesen war für mich kein Zeitvertreib, sondern ein Schutzraum. Es half mir, zur Ruhe zu kommen, Gedanken zu ordnen und mich emotional zu regulieren. In einer Umgebung, die mir fremd war, bedeutete Lesen Sicherheit.
Plötzlich wurde die Zimmertür ohne Anklopfen aufgerissen. Ein Junge nennen wir ihn Kevin, platze in den Raum, ohne anklopfen, Vorwarnung oder irgendein Zeichen von guter Erziehung und brüllte durch den Raum dass Frau A nach mir rufen würde. Ich ging zu den Erzieherinnen. Dort wurde mir mitgeteilt, dass ich nun Zeit Kevin verbringen solle – konkret, dass ich mit ihm spielen sollte: Tischtennis, Brettspiele oder ähnliche Aktivitäten.
Ich machte ruhig und klar deutlich, dass ich das nicht wollte.
Ich sagte, dass ich lieber alleine sein und lesen würde.
Diese Grenze wurde ignoriert.
Mein Wunsch nach Rückzug wurde nicht hinterfragt, nicht respektiert, nicht einmal zur Kenntnis genommen. Stattdessen wurde implizit vermittelt, dass mein Bedürfnis falsch sei – dass Alleinsein etwas sei, das korrigiert werden müsse.
Ich erinnere mich an das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden.
Nicht als Kind mit eigenen Bedürfnissen, sondern als Objekt, das gelenkt werden sollte. Mein „Nein“ hatte kein Gewicht.
Rückblickend war dies eine der ersten Situationen, in denen mir signalisiert wurde:
Damals konnte ich das noch nicht benennen. Ich spürte nur Unruhe, inneren Widerstand und ein leises, aber wachsendes Gefühl von Ohnmacht. Es war kein einzelner großer Übergriff – sondern ein kleiner, alltäglicher Eingriff, der mir zeigte, dass meine Autonomie in diesem Umfeld wenig zählte.
2) Mit der Zeit begann ich, Situationen bewusst zu meiden. Nicht aus Ungehorsam, sondern aus Selbstschutz. Nach kurzen Erledigungen außerhalb des Internats versuchte ich oft, direkt wieder zu gehen, weil ich wusste: Wenn ich blieb, würde erneut verlangt werden, dass ich Zeit mit einem Mitbewohner („Kevin“) verbringen sollte.
Kaum war ich zurück, wurde ich angewiesen, ihn zu holen. Währenddessen zog ich mir bereits wieder die Schuhe an – mein Körper wollte weg, bevor wieder über mich entschieden wurde. Auf die Frage, wohin ich gehe, antwortete ich knapp: nach draußen. Eine Begründung schien nicht zu reichen. Mein Wunsch nach Rückzug wurde infrage gestellt.
Als Kevin dazukam, folgte ohne Nachfrage die Anweisung, gemeinsam Tischtennis zu spielen. Weder er noch ich hatten Lust. Unsere Ablehnung war sichtbar, wurde aber ignoriert. Stattdessen wurde mit Kommentaren gearbeitet, die uns ein Bedürfnis unterstellten („dir tut Bewegung gut“, „du langweilst dich doch“). Ich stimmte zu – nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst, zu widersprechen .Wir spielten lustlos. Selbst dabei wurden wir kontrolliert und kritisiert. Es fühlte sich nicht nach Betreuung an, sondern nach Bevormundung.
3) Es gab keinen körperlichen Missbrauch in dieser Szene. Und doch zeigt sie für mich rückblickend sehr klar den Charakter und das Machtverständnis von Frau A.
Nach Hausordnung mussten wir unsere Handys beim Betreten des Internats abgeben. Sie wurden weggeschlossen, der Zugang lag vollständig bei den Erzieherinnen. Nach einer Mittagspause machte Frau A daraus ein „Spiel“: Wer vor ihr auf die Knie gehe, bekomme sein Handy zurück.
Fast alle machten mit. Ich nicht. Mir war diese Situation zutiefst unangenehm. Mein Handy wurde mir daraufhin vorenthalten. Erst als ich – unter innerem Widerstand – doch auf ein Knie ging, bekam ich es zurück.
Damals erschien mir das wie ein schlechter Scherz. Heute erkenne ich darin etwas anderes: eine Machtdemonstration. Die bewusste Inszenierung von Unterwerfung, gekoppelt an ein persönliches Eigentum, auf das wir angewiesen waren. Es ging nicht um Regeln, sondern um Kontrolle.
4) Nach dem gemeinsamen Mittagessen gingen wir als Gruppe vom Speisesaal zurück ins Internat. Dieser kurze Weg war für mich wichtig: Er war oft der einzige Moment am Tag, in dem ich meine Familie anrufen konnte. Meist zuerst meine Mutter, danach meine Oma, die alleine in ihrem großen Haus lebte.
Während eines dieser Telefonate fragte meine Oma – ganz selbstverständlich –, was meine Eltern gerade machten. Ich antwortete ruhig und ehrlich: dass sie noch beim Essen seien.
Plötzlich unterbrach Frau B das Gespräch von außen mit scharfem Ton. Eine unnötige, bevormundende Bemerkung, die klar machte: Sie hörte zu. Und sie mischte sich ein.
In diesem Moment wusste ich bereits, dass mir Privatsphäre zustand. Und ich spürte zugleich, wie sie mir genommen wurde. Ohne Respekt, ohne Anlass, ohne jede Sensibilität. Mein persönliches Gespräch wurde öffentlich gemacht, mein Raum missachtet.
5) Donnerstags durften einige von uns abends ins Schwimmbad gehen. Ich wollte das nicht. Nach einem anstrengenden Tag brauchte ich Ruhe, nicht noch mehr Reize.
Einmal ging ich nachmittags in eine Apotheke, um mir etwas zur Schlafunterstützung zu holen. Als ich das offen ansprach, wurden mir die Tabletten kommentarlos abgenommen. Die Begründung war knapp und endgültig: Ich sei „zu jung für Medikamente“. Kein Gespräch, kein Nachfragen, kein Einbeziehen meiner Eltern.
Am nächsten Abend saß ich in meinem Zimmer und las. Wieder wurde ich lautstark aus dem Zimmer gerufen. Unten angekommen stand Frau A am Fuß der Treppe und winkte mich mit dem Finger heran – eine Geste, die mich sofort innerlich zusammenziehen ließ. Ich folgte ihr in ihr Büro.
Ohne ein Wort reichte sie mir einen Zettel. Darauf stand ein angebliches Einverständnis meiner Eltern, dass ich donnerstags schwimmen gehen dürfe – formuliert in ihrem Namen. Sie schrieb einen Zettel, im Namen meiner Eltern, um mich psychisch unter druck zusetzen um (ausdrücklich!) gegen meinen Willen schwimmen zu müssen. So wurde auch dieser freie Abend zunichtegemacht.
6) Nach jedem Mittagessen nutzte ich die wenigen Minuten auf dem Weg zurück ins Internat, um meine Familie anzurufen. Diese kleinen Momente waren für mich ein Stück Normalität, ein Raum, in dem ich selbst entscheiden konnte. Doch Frau A rief mich plötzlich: „Mit dir will ich sprechen!“ Auf dem Weg hinter ihr musste ich langsamer gehen, damit die anderen nichts mitbekamen. Sie begann sofort, mich zu kritisieren: Mein Körper sei „zu dick“, sie habe Fotos von mir gesehen und auch mit dem Küchenpersonal gesprochen. Sie kommentierte mein Gewicht, meine Brust und meinte, ich dürfe künftig nicht mehr so viele Snacks essen, weil ich jetzt auch schwimmen gehe.
7) Mit 14 hatte ich bereits begonnen, mich wie ein Erwachsener zu verhalten – doch Frau A nahm das zum Anlass für Spott. Sie kritisierte mein Verhalten und wandte sich sofort meinem Körper zu: Gewicht, Pickel, alles wurde kommentiert. Sie erzählte sogar, dass sie selbst früher „ein dickes Kind“ gewesen sei, um meine Beschwerden kleinzureden.
Beim Mittagessen kontrollierte sie meine Portionen und mischte sich in die Inhalte meines Tellers ein. Vor versammelter Gruppe fragte sie provokativ: „Ist dein Bauch denn nicht dick genug?“ Ich war genervt und antwortete kurz: „Nein.“ Trotzdem setzte sie ihre Belehrung fort: „Das sind so viele… warte, nein?! Na dann iss weiter.“
Ein Mitbewohner mischte sich noch ein und machte gehässig Kommentare über mein Gewicht. Ich spürte die Mischung aus Scham, Wut und Gleichgültigkeit – Wut auf die Ungerechtigkeit, Gleichgültigkeit, weil ich wusste, dass ihre Worte meine innere Stärke nicht brechen konnten.
Donnerstags durften wir ins Schwimmbad. Ich hatte damals Gefühle für zwei Mitbewohner, die ein Jahr jünger waren, lange bevor ich meine eigene Sexualität bewusst verstand. In diesem Umfeld fiel es mir schwer, die Grenzen anderer zu erkennen – wahrscheinlich, weil meine eigenen wiederholt überschritten wurden.
Am Ende eines Abends kam es bei einem gemeinsamen Abendessen zu Handgriffen, die missverstanden wurden. Ich musste mich vor beiden Erzieherinnen rechtfertigen und Verantwortung übernehmen – obwohl keine von ihnen beim Schwimmen anwesend war und die Situation nur aus Erzählungen kannte.
9) Nach den Vorfällen im Schwimmbad wurde mir das Schwimmen verboten – was mir damals egal war. Am Ende des Jahres fand ein Elternabend statt. Meine Mutter war anwesend, doch immer wieder wurde ich von Frau B zurückgeschickt, um scheinbar kleine Aufgaben zu erledigen, etwa Kissen zu holen.
Ich beobachtete durch ein Fenster, wie meine Mutter mit Frau A sprach – offenbar über meine Handlungen und die Missverständnisse. Ich fühlte mich ertappt, bloßgestellt und missverstanden. Besonders belastend war, dass die wahren Hintergründe meiner Entscheidungen und meines Verhaltens niemand kannte.
Später, in den langersehnten Sommerferien, erhielt ich die Aufforderung, mich an eine Einrichtung zu wenden (SDIP – Service de Détection et d’Intervention Précoce), wegen meiner Handlungen im Internat und einiger Aktivitäten im Internet, die fälschlicherweise interpretiert worden waren.
Das war es. das schlimmste Jahr meiner Schulzeit. Ich erkenne rückblickend das auch meine Reaktionen (die Berührungen) unangebracht, grenzüberschreitend und gewalttätig waren. Ich übernehme die Verantwortung für mein handeln. Ich möchte nur betonen das es eine Reaktion auf die psychische Gewalt und den Druck von A waren. Ich möchte mit diesem Schreiben mein Schweigen beenden und ihnen (geehrter Leser) mein erlebtes Leid anvertrauen.
Danke für ihre Aufmerksamkeit

12.01.2026 #1


Lina60
Lieber @Nightstroke, soeben habe ich eine ganz lange Antwort an Dich geschrieben...und sie ist einfach verschwunden !

Deshalb fasse ich das Geschriebene nun kurz zusammen: ich habe mich entsetzt über Frau A und das Internat, die Dir alles was Du brauchtest für dein Leben dort ( trotz den ohnehin existierenden Regeln sowie dem Wegseinmüssen von zu Hause) wegnahmen. Du wurdest manipuliert, kontrolliert, man hat Dich absichtlich falsch verstanden...Missbrauch pur. Dass Du dann mit der Zeit bei so einer Behandlung ausflippst ist verständlich. Tat Dir wahrscheinlich gut, Dir Luft zu verschaffen.

Ich hoffe, Du konntest den Eltern von diesem grausamen Jahr erzählen und wurdest verstanden. Damals hat man sich wohl noch nicht so getraut, A. und die Institution anzuzeigen....hättest allen Grund dazu gehabt !

Es ist gut hast Du uns Dein Horrorzahl von der Seele geschrieben, das hilft sicherlich etwas. Ansonsten gäbe es immer noch die Möglichkeit einer Psychotherapie zum Verarbeiten.

Ich wünsche Dir alles, alles Gut

x 3 #2


A


Machtmissbrauch einer Erzieherin in Internaten

x 3


Schlaflose
Zitat von Nightstroke:
(SDIP – Service de Détection et d’Intervention Précoce

Das alles scheint in Frankreich stattgefunden zu haben. Dort herrschen viel härtere Sitten in den Schulen und Internaten als in Deutschland und Lehrer und Erzieher haben viel mehr Befugnisse, sich in private Angelegengeiten einzumischen. Ich würde sagen, diese Erzieherin hat so gehandelt, wie es dort Gang und Gäbe ist.

#3


N
@Schlaflose ich weiss.nicht .Ob ich es sagen sollte, aber es war in Luxemburg.

#4


Lina60
Lieber @Nightstroke, egal wo es war oder ob das seinerzeit legitim war...der Schaden, den es in Dir verursachte war ( ist ?)
gravierend !

x 1 #5


N
@Lina60 Danke für dein Verständnis

#6






Dr. Reinhard Pichler
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