Mit 22 Jahren hatte ich eine sehr ungewöhnliche Phase. Bis dahin immer eher schüchtern, ängstlich und irgendwie gehemmt. Das kam von vielem.
Dann bekam ich eine gute Portion positiver Aufmerksamkeit, dazu auch noch Mari hu ana und Bämm! im Laufe der Sylvesternacht war ich ein anderer Mensch. Bzw war es für mich so als wäre ich von allen Ketten befreit endlich der Mensch der ich eigentlich bin.
Doch es war auch etwas grenzwertig. Ich nahm ziemlich schnell noch ein paar kg ab und war damit mal wirklich schlank. Gab mein ganzes Geld aus, für Kleider und besondere Dinge.
Ging im Minikleid alleine zum Tanzen. Aber, ich trank kein Alk.. Dro. rauchte ich auch nur bei dem einen Bekanntenkreis von Sylvester.
Das ganze ging so etwa 6 Monate. Ich hatte einiges erlebt in der Zeit und war auch mit einigen aneinander gerasselt.
Doch mir blieb von dieser Zeit nichts, keine Freunde o. ä. Und aufgrund der fehlenden positiven Zuwendung versank ich in Depris. Mir fiel wieder die Trennung zu meinem ersten Freund ein, dass ich nicht wusste was beruflich tun und dass ich wieder bei meiner Alk. Mutter wohnte machte es nicht besser.
Über ein Jahr verschanzte ich mich in meinem Zimmer, nahm 16kg zu, entwickelte eine soziale Phobie.
Ich konnte oder wollte das nie als manische Phase betrachten, weil ich mich zum ersten Mal in meinem Leben richtig und echt gefühlt hatte. Ja in manchen Situationen etwas drüber, doch das konnte ich, wenn ich wollte ja regulieren. Am Anfang war es halt wie Übermut, endlich frei, die Welt liegt mir zu Füßen, ich kann jetzt erreichen was ich will.
Das entspricht für mich so viel mehr einem selbstbestimmten Leben, als dieses depri Dasein, dieser Melancholie und Antriebslosigkeit.
Für mich war diese manische Phase, wahrscheinlich auch eher Hypomanie, sehr wichtig um zu erfahren was noch in mir steckt, hinter all den Ängsten.
Meine ältere Schwester hatte immer gesagt, steh doch zu deinem Schüchternsein, du bist halt so, eher die Ruhige und Introvertiert. Bei mir kam das immer wie eine Beleidigung an, denn ich wusste insgeheim ich bin so nicht, will so auch nicht sein. Das ist doch wie in einem Käfig eingesperrt zu sein, nur zuzuschauen wie andere ihr Leben nutzen und genießen, während ich mich verstecke und mich nicht traue etwas zu sagen.
In meiner aufgedreht Phase kuckte sie dann aber. 😄
Bis heute hatte ich keine solcher ausgeprägten Phasen. Nur seitdem oft den Zugang zu dieser lebensfrohen Sichtweise, der Abenteuerlust, dem Humor.
Ja die Stimmungsschwankungen sind nervig. In Behandlung war ich deswegen noch nie. Ich bin kein Freund von Diagnosen und wenn es dann eine Mischform von vielem ist? Der Alk. meiner Mutter, die Vernachlässigung dadurch. Vielleicht noch Adhs, etwas Autismus.
Ich denke mir oft, wenn das Umfeld etwas besser wäre, die Leute um mich herum gesünder, wäre mir schon genug geholfen.
Ansonsten hilft mir die Erinnerung an die hypomanische Phase eher, ich weiß wer ich eigentlich sein kann.
Natürlich ist es wie ein Spiel mit den Extremen, zu versuchen nicht zu sehr in die Depri abzurutschen noch zu sehr aufgedreht zu sein,- also irgendwo die Mitte zu finden.
Aber wenn mir der Zugang zu Freude und Spaß angeboten wird, sag ich sicher nicht nein, ich will lieber missmutig sein.
Mich hatte es fast geärgert, als eine Therapeutin von bipolar sprach. Sie machte diese für mich besondere Phase, dieser Ausbruch aus dem Schneckenhaus zu einer Krankheit?! Für mich war es doch ein wichtiger Entwicklungsschritt, etwas woran ich immer ansetzen kann, mich immer erinnern kann, wenn Depris und Selbstzweifel wieder kamen.
Also ich sehe es bis heute nicht als eine Störung die vom Himmel fiel, eher als eine Chance die Mitte zwischen diesen Extremen zu finden, da ich vorher ja nur die eine Seite kannte.
Vielleicht liege ich damit auch falsch.
Was es vielleicht braucht um sich nicht zu verlieren, ist Bewusstheit. Ich muss merken das da etwas mit mir passiert, aber das nicht ich bin. Somit kann ich es besser steuern.