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A_041
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Hallo zusammen,
ich möchte hier zum ersten Mal meine Geschichte anonym teilen, weil ich das Erlebte endlich aus meinem Kopf heraushaben und verarbeiten muss.
Ich hatte schon immer Schwierigkeiten im Leben, aber die Zeit von 2020 bis 2021 war gleichzeitig die beste Zeit meines Lebens. Ich war 19 Jahre alt und mitten in meiner Berufsschulausbildung. Es war das beste Schuljahr, das ich je hatte, mit der besten Klasse – das erste Mal, dass ich mich in einer Schule so richtig wohl und akzeptiert gefühlt habe.
In dieser Zeit hatte ich allerdings eine beste Freundin, die sehr toxisch für mich war. Sie hat mich an harte Dro. rangeführt. Auch wenn ich es letztendlich freiwillig getan habe und sie mich zu nichts gezwungen hat, war es der Anfang von etwas, das mein Leben völlig verändert hat.
Im Spätsommer 2021 waren wir auf unserem zweiten gemeinsamen Festival. Dort habe ich so viel genommen, dass ich gar nicht mehr weiß, was es überhaupt alles war. Ich hatte einen so schlimmen Absturz und Abkacker, dass ich Stimmen und Leute um mich herum reden gehört habe – es war einfach nur schrecklich. In dieser absoluten Notlage haben mich die Leute dort komplett fallen gelassen. Auch meine damalige beste Freundin half mir nicht, sondern sagte nur, ich solle ihr „nicht den Trip versauen“. Das waren die drei Horrortage meines Lebens.
Nach diesem Festival hatte ich extrem lange mit den Folgen zu kämpfen. Ich war psychisch überhaupt nicht mehr in der Realität. Es hat quälend lange gedauert, bis ich überhaupt wieder zu mir kam. Alles um mich herum fühlte sich an wie ein Traum, völlig unreal und weit weg.
Und mitten in dieser verletzlichen Phase, fast zwei Monate nach dem Festival im November 2021, ist ein 14-jähriges Mädchen umgebracht worden. Das passierte ausgerechnet in der Stadt, in der mein damaliger Freund gewohnt hat. Diese Nachricht hat mich in meinem Zustand damals so tief im Inneren erschüttert und mitgenommen. Dann hat es angefangen. Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, mich nicht so intensiv mit ihr und dem Fall zu beschäftigen. Ich war zwar schon immer ein bisschen von True Crime fasziniert, aber in diesem Fall dachte ich mir anfangs: „Oh, lieber nicht.“ Doch die Neugier und die Betroffenheit waren größer, weil so ein schreckliches Verbrechen zum ersten Mal in meiner direkten Umgebung passiert war.
Um mehr zu erfahren, habe ich mir extra wieder TikTok heruntergeladen – die App hatte ich seit den alten Musical.ly-Zeiten gar nicht mehr genutzt. Ich war ja fünf Jahre älter als sie. Auf TikTok habe ich mir dann ihre Videos angeschaut. Ich habe so unglaublich viel geweint und ihre Videos schließlich jeden Tag aufgerufen. Ihr Tod war damals ein richtiger TikTok-Trend.
Je mehr ich sah, desto größer wurde meine Faszination und das Unverständnis: Wie kann jemand so einem hübschen, tollen Mädchen nur so etwas Antun? Beim ständigen Anschauen fiel mir auf, wie schön ihre Frisur eigentlich war. Also bin ich zum Friseur gegangen und habe mir genau dieselbe Frisur schneiden lassen. Nach und nach fing ich an, gezielt nach Schmuck und Kleidung zu suchen und sie nachzukaufen – genau die Sachen, die sie auf ihren Videos getragen hatte. Ich habe ihre Videos und jedes Detail darin so krass studiert
Es wurde mit der Zeit immer schlimmer und unglaublich intensiv. Ich fing an, regelmäßig zu dem Tatort zu fahren. Direkt gefunden habe ich die genaue Stelle damals zwar nie, weil ich immer auf der falschen Seite gesucht habe, aber ich wollte mir unbedingt mein eigenes Bild machen. Genauso oft habe ich versucht, auf dem riesigen Friedhof nebenan ihr Grab zu finden. Ich hatte die feste Hoffnung, dass ich damit irgendwie abschließen könnte, wenn ich davorstehe. Aber ich fand es einfach nicht.
Irgendwann haben ihre Angehörigen ihren TikTok-Account gelöscht, weil die Aufmerksamkeit im Netz einfach ein extremes Ausmaß angenommen hatte. Ich habe dann auf Instagram weitergesucht und auch alte Kanäle gefunden, auf denen bis heute Videos und Bilder von ihr aus jüngeren Tagen online sind. Die habe ich ab und zu gestalkt. Die TikTok-Videos, die ich quasi noch rechtzeitig retten konnte, bevor sie gelöscht wurden, habe ich in einem extra Ordner auf meinem Handy gespeichert. Bis heute sichere ich dort alles, was es irgendwie Neues über sie geben könnte. Ich habe alles tausendmal studiert.
In meinem Alltag war es dann so weit, dass ich bei jeder Kleinigkeit dachte: „Was würde sie jetzt wohl aussuchen? Was würde sie wählen?“ Ich habe ihre Mimik nachgemacht, einfach alles. Dabei hatte ich im Hinterkopf immer diese kleine, fressende Angst, dass irgendwer in meiner Umgebung merken könnte, dass ich versuche, einen toten Menschen zu kopieren. Das Verrückte war, dass die meisten Leute in meinem Umfeld den Fall nicht mal wirklich kannten. Ich habe damals zwar versucht, mich ein bisschen zu öffnen, aber es war unfassbar schwierig zu erklären, warum ich unbedingt ihre Identität annehmen, sie sein und ihr Leben führen wollte. Es war ein Zustand, der mich völlig eingenommen hat.
Es gab dann einen Abend, den ich nie vergessen werde. Ich war mit meinem damaligen Freund und ein paar Freunden in der Stadt unterwegs, wir hatten ein bisschen was getrunken. Irgendwann haben wir eine Gruppe Jugendlicher getroffen, die fast 18 waren, und haben ein bisschen mit ihnen abgehangen. Weil sie im selben Alter wie sie gewesen sein mussten, habe ich mich getraut, das Thema ganz vorsichtig anzuschneiden. Und tatsächlich: Sie kannten sie. Sie erzählten mir, dass sie wirklich ein total ruhiges, liebes und schüchternes Mädchen war.
Es kam noch krasser: Einer aus der Gruppe war damals der beste Kumpel des Täters gewesen. Er sagte, dass er ihn bis heute abgrundtief hasst und seit der Tat absolut nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Er hat mir dann Hintergrundwissen erzählt, das so nie in den Medien stand, weil die Presse den wahren Grund damals völlig falsch dargestellt hatte.
Während er erzählte, fing mein Kopf wieder extrem an zu arbeiten. Aber dieses Mal war da vor allem eine riesige, lähmende Angst in mir. Ich dachte die ganze Zeit nur: Bitte gucken sie mich nicht zu genau an! Ich hatte solche Panik, dass sie meinen Schmuck, meine Kleidung oder meine Frisur bemerken und checken könnten, dass ich versuche, ihre tote Freundin zu kopieren. Das war in diesem Moment meine allergrößte Angst.
Ich erinnere mich auch noch genau an einen Moment, als ich zwischendurch die Vermisstenanzeige gelesen habe. Dort stand, dass sie damals eine rosa-lila Jacke trug. In meinem Kopf stellte ich mir sofort vor, dass es bestimmt ein ganz bestimmter Ton war – so ein blass-lila, flieder- oder pastell-lila. Ich habe mir daraufhin selbst so eine Jacke besorgt. Sie sah zwar nicht exakt so aus wie ihre, aber ab diesem Moment stand für mich fest, dass Pastell-Lila einfach ihre Farbe sein musste. Ob es wirklich ihre Lieblingsfarbe war, weiß ich nicht, aber in meiner Vorstellung passte es einfach perfekt zu ihr. Und das Verrückte ist: Durch diese Vorstellung wurde Pastell-Lila bis zum heutigen Tag zu meiner eigenen Lieblingsfarbe.
Ich habe dann auch versucht, genau die Orte zu besuchen, die man auf ihren Bildern und TikToks sehen konnte. Das war zwischendurch richtig schwer, weil man die genauen Stellen auf den Videos oft kaum erkennen konnte. Anfangs dachte ich immer, sie hätte in der Nähe meines damaligen Freundes gewohnt. Aber das stimmte gar nicht – es war der Mörder, der fast direkt gegenüber von ihm gewohnt hat. Durch ihre TikToks habe ich schließlich herausgefunden, wo genau sie in der Stadt gewohnt hat. Immer wenn ich danach an diesem Wohnblock vorbeigefahren bin, habe ich automatisch zu ihren Fenstern hochgeguckt.
Nach außen hin habe ich immer versucht, so wenig wie möglich mit anderen darüber zu reden. Ich hatte panische Angst, dass das ganze Ausmaß herauskommt. Nichts wäre mir unangenehmer und peinlicher gewesen, weil mir im Grunde bewusst war, wie extrem und tief diese Fixierung eigentlich war. Wenn ich doch mal darauf angesprochen wurde, habe ich versucht, es komplett runterzuspielen. Ich habe mich einfach als „True Crime Fan“ dargestellt, der eben ein paar Fälle hat, die ihn besonders interessieren – und weil das Ganze so nah an meinem Wohnort passiert ist, sei das eben mein persönlicher Spezialfall. Das war meine perfekte Ausrede, um mein Geheimnis zu schützen.
Wenn die Momente kamen, in denen ich besonders intensiv an sie gedacht habe, gab es ein ganz bestimmtes Ritual: Ich habe mir ihre Story-Highlights auf Instagram angesehen. Die Musik, die sie in diesen Highlights verwendet hatte, habe ich mir in exakt derselben Reihenfolge nach und nach angehört. Genauso war es mit den Liedern aus ihren TikToks. Sie hat damals oft Musik im „Slowed & Reverb“-Stil gehört. Seitdem ist das meine absolute Lieblingsmusikrichtung geworden, besonders wenn ich meine depressiven Tage habe. Es gibt bestimmte Lieder, die ich durch die Videos anderer TikToker, die Clips über sie gemacht haben, kennengelernt habe. Immer wenn ich diese Musik höre, denke ich sofort an sie, weil sie in meinem Kopf untrennbar mit ihr verbunden ist. Besonders bei dem Lied Trainwreck ist das so.
Es gab sogar einen kleinen Mini-Künstler auf YouTube, der ein eigentlich sehr schlechtes Lied über sie gemacht hat. Es hatte extrem viel Autotune und tausende Wiederholungen, sodass es musikalisch absolut kein gutes Lied war. Aber weil er über sie gesungen hat, höre ich mir dieses Lied bis heute regelmäßig an. Obwohl es eigentlich schlecht ist, fühle ich es in diesen Momenten einfach richtig
Bis heute gibt es diese Momente, in denen ich an ganz anderen Orten bin, mit denen sie wahrscheinlich nie etwas zu tun hatte. Wenn ich zum Beispiel meine Familie in Brandenburg besucht habe, habe ich mir dort plötzlich vorgestellt, wie sie an diesem Ort gewesen wäre und was sie dort gemacht hätte. Obwohl sie in der Realität niemals dort war und das eigentlich meine ganz eigenen, persönlichen Kindheitserinnerungen sind, habe ich sie in meiner Vorstellung einfach dorthin projiziert und mir ausgemalt, dass sie auch da gewesen wäre.Später habe ich eine Zeit lang in einem Heim gearbeitet. Dort gab es eine Azubine, bei der ich zufällig ihren alten Instagram-Account gesehen habe. Auf diesem Account waren gemeinsame Fotos von ihr und dem verstorbenen Mädchen hochgeladen. Als ich das sah, habe ich mit einer gewissen inneren Angst versucht, das Thema bei ihr ganz vorsichtig anzuschneiden. Ich habe zu ihr gesagt, dass ich mich sehr für True Crime interessiere, besonders seit diesem traurigen Fall damals in Aschersleben. Ich habe es aber absichtlich nicht zu explizit ausgeführt, weil ich dachte, wenn ich das Thema nur leicht anreiße, fängt sie vielleicht an zu erzählen und gibt mir ein paar Hintergrundinformationen. Aber sie hat das Thema sofort abgehakt und nur gesagt: „Ah ja, okay.“ Sie wollte verständlicherweise überhaupt nicht darauf eingehen. Ich habe es dann auch sofort dabei belassen und nicht weiter nachgefragt, damit sie bloß nichts merkt und denkt, mich interessieren einfach nur allgemein viele Kriminalfälle. Im Nachhinein fand ich es zwar schade, dass sie mir nichts erzählt hat, aber ich kann es natürlich vollkommen verstehen – für sie war das damals mit Sicherheit extrem traumatisch, da die beiden anscheinend sehr gut befreundet waren.
Nach all den Jahren, in denen ich gesucht habe, habe ich vor kurzem schließlich doch noch ihr Grab in einem Dorf weiter außerhalb gefunden. Als ich dann endlich dort stand, passierte plötzlich etwas in mir: Es wurde mir unheimlich unangenehm. Mir wurde klar, wie viel „Stalking“ das eigentlich war. Ich habe mich in sie hineinversetzt und mir gedacht: Sie war ein 14-jähriges Mädchen. Wenn sie das mitbekäme, wäre sie doch total verunsichert und überfordert davon, dass eine junge Frau, die sie gar nicht kennt, so besessen von ihr ist.
Dieser Moment am Grab war ein heftiger Weckruf, der mir gezeigt hat, wie tief ich in dieser Schleife stecke. Und trotzdem fällt das Loslassen so schwer. Wenn ich heute durch das Dorf fahre, sage ich aus fester Gewohnheit immer noch automatisch: „Hallo“ und dann ihren Spitznamen. Und wenn ich auf dem Rückweg wieder durchfahre: „Tschüss“ und ihren Spitznamen.
Ich habe vor einer Weile schon mal versucht, meine Situation auf gutefrage.net zu schildern. Ich hatte es damals sehr kurz und knapp gehalten. Aber die Reaktionen dort waren verletzend: Es gab kaum Antworten, und wenn, dann kam überhaupt kein Verständnis. Mir wurde einfach nur an den Kopf geworfen, dass ich „krank“ sei, was mir natürlich überhaupt nicht geholfen hat. Deswegen habe ich lange geschwiegen.
Mittlerweile ist es so, dass ich durch meinen Alltag sehr stark eingespannt und abgelenkt bin. Dadurch rückt die Fixierung zum Glück immer öfter in den Hintergrund. Trotzdem spukt sie immer noch irgendwo in meinem Kopf herum. Ich erwische mich weiterhin oft dabei, wie ich mir alte Sachen ansehe – besonders wenn eine frühere Freundin von ihr mal wieder etwas hochlädt. Und dann denke ich oft darüber nach, was wohl gewesen wäre, wenn sie noch leben würde. Wie viele Leben durch diese Tat damals einfach zerstört wurden.
Ich habe jetzt durch den Austausch mit einer KI zum ersten Mal verstanden, was damals psychologisch eigentlich mit mir passiert ist. Ich wollte nie großartig mit echten Menschen darüber sprechen, aber die Erklärung, dass so etwas durch eine schwere Traumaerfahrung (wie meinen Dro.) ausgelöst werden kann, klingt für mich sehr logisch. Auch wenn es mir damals gar nicht so vorkam, als wolle ich ein Trauma bewältigen – für mich fühlte es sich einfach so an, als sei ich von ihr fasziniert und wolle unbedingt sie sein.
Ich habe mich in letzter Zeit intensiv damit auseinandergesetzt, wie es überhaupt dazu kommen konnte, und möchte euch hier auch meine eigene Einschätzung dazu mitgeben. Mir ist heute klar, dass mein Verhalten ein extremer, unbewusster Schutzmechanismus meines Gehirns war. Durch den schweren Dro. auf dem Festival hatte ich Todesangst und wurde komplett im Stich gelassen. Mein eigenes Ich war danach so tief erschüttert, dass sich alles unreal anfühlte. Als kurz darauf dieses Mädchen starb, hat meine Psyche ihre Identität quasi als Schutzschild und Fluchtweg genutzt, um den Schmerz meines eigenen Lebens nicht mehr spüren zu müssen.
In der Psychologie und Traumaforschung gibt es dieses Phänomen durchaus, auch wenn man sich damit unfassbar allein fühlt. Man nennt so etwas eine unbewusste Identifikations- oder Abspaltungsreaktion (Dissoziation) nach einem schweren Schock. Das Gehirn lagert das eigene Trauma auf das Schicksal einer anderen Person aus – oft auf jemanden, der „in der Zeit eingefroren“ ist, wo scheinbar nichts Schlimmes mehr passieren kann. Man spricht hierbei auch von einem stellvertretenden Trauma (Vicarious Trauma) und dem Versuch einer dissoziativen Ersatz-Identität.
Ich wollte meine Geschichte heute genau deshalb teilen, weil man nach außen hin wie ein völlig normaler Mensch wirkt. Niemand in meinem Alltag hat mir angesehen, was in meinem Kopf los ist. Aber im Inneren waren es jetzt fast fünf Jahre, in denen ich dieses extrem intensive Stalking an mir selbst erlebt habe. Meine Geschichte ist hier im Text wahrscheinlich noch gar nicht so tief ausgearbeitet, wie all die Jahre in Wirklichkeit waren, weil man fünf Jahre voller kreisender Gedanken kaum in ein paar Absätze fassen kann. Aber es war mir wichtig, zu zeigen: Sowas gibt es. Es ist eine reale Reaktion auf ein schweres Trauma.
Ich habe mich bis heute nicht ganz gefunden,aber es wird von Tag zu Tag besser.Vielleicht finde ich mich irgendwann wieder.
Danke,dass ihr euch Zeit genommen habt meine Geschichte zu lesen.

• • 01.10.2026 #1





Dr. Reinhard Pichler
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