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201808.03




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Hallo zusammen,

ich bin neu hir im Forum und wollte mich mal vorstellen. Mein Name ist Jörg, ich bin 52 Jahre alt, aus der Nähe von Köln und leide seit ca. 25 Jahren an einer Angststörung.

Meine erste Panikattacke hatte ich mit ca. 8 Jahren in der Schule. Ich kann mich noch genau daran erinnern, es war Hochsommer, und die grossen schweren Vorhänge an den Fenstern wurden zum Schutz vor der Sonne zugezogen. Es wurde ein bisschen dunkler im Klassenraum, umd plötzlich habe ich gemerkt, wie ich einfach so Angst bekommen habe. Ich dachte, ich würde nun nie mehr aus diesem Raum herauskommen und müsste für immer hier auf dem Stuhl sitzen bleiben. Die Unruhue und die Angst, die jeder kennt der Panikattacken hat, wurde immer unerträglicher, bis ich schliesslich die Lehrerin gefragt habe, wie lange die Stunde noch dauert. Danach habe ich wohl den Rest der Stunde irgendwie überstanden. Es war auch keine vollständige Panikattacke, ich denke mal es waren so ca. 50%.

Was eine richtige Panikattacke ist, durfte ich ca. 1988 auf dem Rückflug aus dem Urlaub erfahren. Wir waren grade vor ein paar Minuten abgeflogen, und ich schaute aus dem Fenster. Ich dachte: Oh, das ist aber tief!...
Und dann merkte ich, wie die Angst langsam hochstieg, aber nicht bei 50% stehenblieb, sondern sich innerhalb von ein paar Minuten zu einer heftigen Panikattacke entwickelte. Damals wusste ich natürlich noch nicht, was eine Panikattacke ist. Ich dachte in dem Moment, ich hätte einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall oder sowas. Ich wollte um Hilfe rufen, ich dachte ich sterbe jetzt im Flieger. Kennt auch jeder, der unter PA leidet. Die PA hat den ganzen Flug und Heimweg gedauert, fast 3 Stunden. Als ich wieder zuhause war, wurde es langsam besser und am nächsten Tag war alles wieder gut.

Dann hatte ich ca. 2 Jahre lang Ruhe, bis exakt das gleiche nochmal in der Strassenbahn passierte. Daraufhin hatte ich wieder ein Jahr Ruhe, bis der Tag gekommen war, wo die Angststörung mein ständiger Begleiter werden sollte. In der Nacht vorher konnte ich nicht schlafen. Ich war irgendwie aufgedreht, hatte aber keine Angst. Wie Gedankenblitze rasten Erinnerungen an meine Kindheit in meinem Kopf herum, immer in Bruchteilen von Sekunden, die ganze Nacht lang. Am nächsten morgen fühlte ich mich wie gerädert, allerdings auch eigenartig nervös. Als ob ich ständig in Erwartung einer Prüfung oder Klausur wäre. Eine ständige Anspannung, die mich rund um die Uhr begleitete.

Diese Anspannung wurde täglich mehr. Ich musste zur Uni fahren mit der Strassenbahn. Besonders in der Bahn wurde die Anspannung immer heftiger, bald musste ich mich immer in die Nähe der Tür setzen, um sicher zu sein, dass ich schnell aus der Bahn komme wenn sie mal hält. Das gleiche passierte im Hörsaal, ich konnte nicht mehr in der Mitte der Reihe sitzen, anfangs setzte ich mich an den Rand einer Reihe, dann setzte ich mich ganz oben direkt in die Nähe der Tür. Jedesmal, wenn ich trotzdem versuchte, zwischen den Leuten zu sitzen, bekam ich Panik, der Herz begann zu rasen, Tunnelblick, ich musste aufstehen und rausgehen.

Natürlich war ich auch beim Arzt. Nur ist damals in den 90ern kein Arzt auf die Idee gekommen, dass es sich um eine Angststörung handeln könnte. Die Diagnosen reichten von Allergien über Nährstoffmangel bis hin zum Hirntumor, was aber alles ausgeschlossen wurde. Da mir niemand sagen konnte, was ich habe, musst ich wohl damit leben.

Die Uni musste ich aufgeben, ich konnte nicht mehr bahnfahren und nicht mehr im Hörsaal sitzen. Also hab ich einen Job angenommen, wo ich nicht unter Menschen sein musste und mich mehr oder weniger frei bewegen konnte. Den Job hab ich 20 Jahre lang durchgehalten, trotz der Angststörung und der Symptome, die mich 24 Stunden am Tag begeleitet haben. Ich hatte NIEMALS mehr auch nur ein paar Minuten ohne diese ständige Angst und Anspannung seit sie damals angefangen hat.

Irgenwann 2006 oder so kamen grosse Veränderungen. Ich hatte geheiratete, ein Sohn war geboren (geht auch alles mit Angststörung) und eine Wohnung wurde gekauft. Zur gleichen Zeit wurde die Arbeit reformiert, die Arbeitsmenge wurde plötzlich mit dem Computer ermittelt, sie stieg ca. 30% an, 50 oder 60 Stunden in der Woche mussten gemacht werden, die Arbeit wurde überwacht ect ect.

Eines Tages auf der Arbeit merkte ich plötzlich, dass mir innerhalb von ein paar Minuten schwindelig wurde. Dies war kein Schwankschwindel oder ähnliches, wie es vom Gleichgewichtsinn kommen kann. Es fühlte sich an, als stände ich an der Dachkante eines Hochhauses und schaute herunter. Als ob ich beim Blutabnehmen kurz vor der Ohnmacht stehen würde. Heute weiss ich natürlich, dass dieser Schwindel ein sogenannter Angstschwindel ist. Dieser Schwindel begleitet mich bis heute, ich hatte keine Minute ohne ihn. Nun hatte ich also Angst, Schwindel und Panikattacken. Trotzdem habe ich noch jahrelang in diesem Zustand weiter gearbeitet. Natürlich kamen mit der Zeit noch viele andere Symtome hinzu, jeder der eine Angststörung hat, kennt diese. Herzstolpern, Augenflimmer, Rückenschmerzen, heftige Schlafstörungen ect ect.

Natürlich bin ich damals auch wieder zum Arzt gerannt. Diesmal wurde ich von diesem aber zum Facharzt überwiesen, zum Psychater. Dieser hat dann letztendlich die richtige Diagnose gestellt: Angsstörung. Ich ging nun zur Therapie und bekam Medikamente. Beides hat nichts genutzt. Bis heute wurden fast alle Medikamente ausprobiert, die es auf dem Markt gibt. Bei allen passiert nach ein paar Tagen folgendes: Ausser den "normalen" Nebenwirkungen verstärken die Medikamente die Angst und den Schwindel extrem. Auch nach Wochen der Einnahme, wo eine Verbesserung schon stattfinden müsste, gehts mir sehr viel schlechter als vorher.

Also half mir offensichtlich nichts. Ich habe bis 2013 mit den ganzen Symptomen weiter gearbeitet. Manchmal nachts nur 3 Stunden geschlafen, dann mit Angst und Schwindel 11 Stunden gearbeitet, 6 Tage die Woche. Bis es irgendwann nicht mehr ging, der Schwindel und diese Benommenheit waren so stark, dass ich nur noch langsam gehen konnte, den Blick auf den Boden gerichtet, wo man die Füsse als nächstes hinstellt.

Dann hat mir der Arzt eine Reha vorgeschlagen, die ich auch gemacht habe. Aus heutiger Sicht leider vollkommen sinnlos, da eine Reha dafür da ist, jemanden, der die Krankheit fast überwunden hat, wieder auf den normalen Alltag vorzubereiten. Quasi bei der Gesundung zu unterstüzen. Eine Krankheit wird nicht in der Reha geheilt. Das musste auch ich merken, die Reha hat leider überhaupt nichts gebracht.

Anschliessend riet mir der Psychiater zu einer Tagesklinik. Dies ist für viele vielleicht eine gute Erfahrung, für mich hat es leider die Symptomatik verschlechtert. Dort wird in Gruppentherapie gearbeitet, das heisst, man sitzt mit 10 anderen Leuten 90 Minuten lang im Stuhlkreis herum. Währenddessen darf man nicht aufstehen und auch den Raum nicht verlassen. Für mich natürlich eine Katastrophe. Schon als der letzte die Tür geschlossen hat, fühlte ich die Panik aufsteigen. Aber ich musste ja sitzenbleiben. Also hab ich wirklich die vollen 90 Minuten dort in Panik auf dem Stuhl gesessen und den Minutenzeiger der Uhr beobachtet. Bei mir ist es leider nicht so, dass die Panik nach ein paar Minuten nachlässt, sie bleibt solange wie ich in der Situation bleibe. Es nutzt also nichts, die Panik "auszuhalten" und darauf zu hoffen, dass sie weniger wird und irgenwann ganz verschwindet. Trotzdem hab ich es noch mehrmals versucht, an der Gruppentherapie teilzunehmen, jedesmal habe 90 Minuten mit Panik dort im Raum gesessen. Alle anderen Veranstaltung konnte ich mehr oder weniger problemlos mitmachen, da man sich dort frei bewegen konnte. Letzendlich musste ich die Tagesklinik abbrechen.

Nach der Tagesklinik merkte ich, dass in Situationen, die ich vorher mehr oder weniger problemlos erledigen konnte, Panikattacken bekam. Während ich vorher problemlos einkaufen konnte, hatte ich nun PA in der Schlange vor der Kasse. Einkaufen im Laden geht noch mehr oder weniger, aber sobald ich in der Schlange anstehen muss und sich auch noch Leute hinter mir anstellen, geht es los. Der Puls geht auf 160, man spürt den Herzschlag bis in den Kopf, extremer Schwindel und Ohnmachtsgefühle, das ganze Programm. Das gleiche mit dem Autofahren. Ging vor der Tagesklinik auch mehr oder weniger problemlos, halt mit Benommenheit und Schwindel, aber danach nicht mehr. Anfangs bekam ich Panik im Stau, dann bereits beim Auffahren auf die Autobahn. In der Sekunde, wo ich auf die Autobahnauffahrt abbiege, beginnt die Panik. Am liebsten würde ich auf den Standstreifen fahren und über die Leitplanke abhauen. Dann fing es genauso an auf Landstrassen, später dann sogar vor roten Ampeln. Ich musste nur eine rote Ampel sehen in 100 Metern Entfernung, und schon kam die Panikattacke. Ich habe auch nicht sofort resigniert, sondern es immer wieder versucht, über Jahre hinweg, hunderte Male. Erste rote Ampel: Panikattacke. Das Auto hab ich inzwischen verkauft, kann es ja nicht mehr fahren.

Leider sind fast alle Sachen unmöglich geworden: Kinobesuch geht nicht, im Sommer mal in den Biergarten gehen ist auch fast unmöglich. Feiertage wie Weihnachten sind eine Katastrophe, da habe ich schon Wochen vorher Panik wenn ich daran denke. Schon vor die Tür nach draussen zu gehen ist schwierig, weil bereits dann der Schwindel und die Angst mehr werden. Natürlich kann man jetzt sagen: Man muss sich zwingen, irgendwann wirds besser! Wird es aber leider nicht. Natürlich kann ich mich dazu zwingen, im Sommer mal in den Biergarten zu gehen. Aber die ganze Zeit dort ist von Schwindel und Benommenheit und Angst geprägt, die nicht nachlässt, egal ob ich eine Stunde oder fünf Stunden dort sitzen würde.

Die Situation ist inzwischen so, dass meine Frau nun arbeiten geht und ich mich um den Haushalt und Kind kümmere. Das ist für mich natürlich nicht sehr befriedigend und trägt auch zur Problematik bei. Schwindel und Angst habe ich nachwievor 24 Stunden am Tag, auch ein paar andere Symptome. Und leider die doofen Schlafstörungen. Ich wache nachts ca. 4 oder 5 mal auf, und gegen 5 Uhr morgens ist die Nacht für mich vorbei, egal wie müde ich noch bin. So komme ich vielleicht auf maximal 5 Stunden Schlaf.

So, ist ein bisschen lang geworden der Text, aber ich bin sicher, der eine oder andere kann nachvollziehen, wa ich geschrieben habe. :)

Liebe Grüße aus Köln

Jörg

Auf das Thema antworten
Danke1xDanke


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  08.03.2018 13:18  
Hallo Jörg,

Ich kann mir kaum vorstellen was Du da erleiden musst und stelle fest, wie stark Du doch bist.
Ohne Hilfe von wirksamen Medis oder Therapie so lange damit zu leben ist für mich ein Wunder. Ich
weiß, das hilft Dir nicht wirklich weiter, aber ich finde Du solltest stolz auf Dich sein! Du hast dir ein Leben
mit dieser besch.... Krankheit aufgebaut, eine Familie gegründet. Auch wenn nicht alles so ist wie man es
sich wünscht oder irgendwann mal vorgestellt hat oder gar von jemanden erwartet wurde.Sei stolz auf das
was Du geschafft hast! L.g. aus Thüringen





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  08.03.2018 13:33  
Hallo mausiliebblau,

vielen Dank für die lieben Worte.

Das Problem ist halt, dass es über die Jahre immer schlimmer wird. Je mehr man versucht sich dagegen zu wehren, desto schlimmer wird es eigentlich. Je öfter man versucht, bestimmte Situationen trotz der Angst auszuhalten, desto schlimmer wird es. Offensichtlich ist es nicht so, dass man sich daran gewöht, oder es mit der Zeit besser wird.

Ob man auf das, was man geschafft hat, stolz sein kann? Intellektuell vielleicht. Ich weiss, dass ich trotz der Krankheit viel geschafft habe, aber halt meistens nur auf der verstandsmäßigen Ebene. Leider werden durch die Angst und die Anspannung die guten Gefühle wie Zufriedenheit, Freude, Dankbarkeit ect, aber auch Interesse stark unterdrückt, da man ja quasi rund um die Uhr nur noch mit Angstgedanken beschäftigt ist. Da hilft auch nicht, sich mit irgendwas anderem zu beschäftigen, die Angst und der Schwindel ist allgegenwärtig.


LG

Jörg



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  08.03.2018 13:59  
Ja....kenne ich nur zu gut, was Du meinst.
Zum Glück habe ich immer wieder Phasen im Leben wo ich Ruhe habe ( leider nur mit Medis).
Bin auch sehr dankbar für diese Zeit und versuche auch da immer wieder an mur zu arbeiten.
Ich versuche mehr mich an das positive zu halten ( ist manchmal echt nicht viel).Es kann doch
nicht sein, das diese Krankheit mein Leben lenkt! Es ist nicht fair!
Wenn Du mal ne gute Phase hast, schau Dir mal das Buch an " Panikattacken und andere Angsstörungen
loswerden " . ...arbeite mich da gerade durch und irgendwie gehts vorwärts.....auch wenn ich nicht verstehe warum.

Und Ja! Du kannst stolz sein!Weil Du immer weiter kämpfst und nicht aufgegeben hast .


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