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nachtwald
und grüße Euch alle. Einige Beiträge und Vorstellungen habe ich gelesen und sehr mitgefühlt.
Ich bin jetzt 58 Jahre alt und habe das Gefühl, dass es mir in meinem ganzen Leben schon immer schlecht ging und mich mehr oder weniger durchgekämpft habe ..
Es ist schwer für mich hier auf den Punkt zu bringen, was meine Krise ausmacht, ihr wollt ja sicher nicht einen Roman lesen.
Angstzustände und Depressionen hatte ich schon als Jugendliche und im Laufe des Lebens kamen immer wieder Krisen und dann Therapien. Erst sehr spät im Leben begann ich ein Schema zu sehen und meine eigentlichen Probleme zu erkennen. Offenbar bin ich gut darin, dies vor mir und anderen - auch Therapeuten- zu verstecken.
Im Grunde habe ich Angst vor anderen Menschen, Angst abgelehnt zu werden und oft sind es kleine Worte und Gesten, die mich in eine tiefe Krise stürzen, ich fühle mich wie gelähmt, als ob man mich vernichten möchte und kann mich nur zurückziehen. Ganz schlimm war es immer, wenn ich einen neuen Job antreten musste. Mehrere Tage Migräne und starke Schmerzmittel - weil ich ja nicht gleich wieder krank sein wollte - gehörten dazu. Meine Angst Fehler zu machen, mich falsch zu verhalten, setzte mich total unter Druck. Ich bemühte mich, es allen recht zu machen und mein größter Wunsch war immer der Wunsch, anerkannt zu werden. Inzwischen weiß ich, dass man genau das nie bekommt, wenn die Menschen spüren, dass man es braucht.
Wieviel Kraft mich dies alles immer gekostet, wieviele Tränen, Schmerzen und irgendwann auch Zorn, weil ich alles so furchtbar ungerecht fand - niemand mochte mich, obwohl ich mich so bemühte - kann ich kaum beschreiben. Ich war oft krank, total erschöpft und habe tagelang nur geschlafen. Ich weiß gar nicht, wie es ist, sich einfach so zu geben wie man ist, ohne Stress zu haben. Ich kann gar nicht anders, als andere zu beobachten und sofort mich zu bemühen, mich so zu verhalten, wie ich denke, dass es passt. Wie ich mich dafür hasse.
In den Therapien ging es meist um Depression und mangelndes Selbstwertgefühl, was sicher auch alles stimmt. Ein Therapeut meinte mal, ich wäre traumatisiert, was meine Ängste vor Ablehnung betrifft, aber ich kann mich an kein Schockerlebnis erinnern.
Ich weiß nur, dass mein ältester Bruder mich schon immer abgelehnt und versucht hat, mich fertig zu machen. Meine Eltern haben dies wohl nicht erkannt oder auch nicht erkannt, dass ich dem nicht gewachsen bin. Aber ob es nur davon kommt?
Eine vertrauensvolle Beziehung, in der ich ich selbst sein konnte, hatte ich zu meinem jüngeren Bruder, und diesem ging es mit mir genauso. In Gesprächen haben wir uns gegenseitig sehr helfen und stützen können. Vor 7 Jahren starb er an Krebs. Nun hatte ich nur noch meinen Vater, von dem ich mich angenommen und geliebt fühlte. In den letzten 7 Jahren haben wir uns sehr aufeinander gestützt. Ich wusste, dass ich niemanden mehr haben würde, wenn er auch stirbt. Dies geschah dieses Jahr im Januar.
Freundschaften habe ich immer gesucht und auch immer Kontakte gefunden, aber es gelang mir nie, diese Kontakte zu halten, mit der Zeit ziehen sich alle zurück oder ich spüre, dass ich gar nicht wichtig bin, dass die Beziehung für andere nicht so wichtig ist wie für mich. Oft ist es auch einfach so, dass alle schon ein ausgefülltes Leben haben, und da ist kein Platz für mich.
In den letzen 10 Jahren war ich selbständig und da ging es mir viel besser, als während der Angestelltenverhältnisse. Aber es war am Anfang auch sehr schwer, ich muss mich an jeden Menschen und jede Situation erst gewöhnen und Sicherheit gewinnen. Im Laufe der Jahre wurde ich da immer sicherer. Inzwischen geht das Geschäft aber nicht mehr. Die Angst, mein Leben nicht mehr finanzieren zu können, gibt mir inzwischen den Rest.
Ich bin total vereinsamt seit einigen Monaten, habe Angst vor der Zukunft, bin jetzt arbeitslos gemeldet (ich hatte mich freiwillig arbeitslos versichert), so dass ich keine akute finanzielle Not habe, aber das Problem wie ich bis zur Rente komme ist natürlich nicht gelöst. Wenn ich daran denke, wie schlimm es im Beruf immer war, verliere ich jeden Mut.
Ich würde gar nicht mehr aus dem Bett gehen, wenn ich nicht meine Hunde hätte, die auf mich angewiesen sind.
Dauernd fühle ich mich müde, habe keinen Appetit, keinen Durst, nichts interessiert mich mehr richtig. Außer die Musik, ich spiele Klarinette in einer Blaskapelle. Dies sind auch meine einzigen sozialen Kontakte und das und die Hunde halten mich irgendwie am Leben.
Körperlich habe ich noch große Probleme mit Muskelverspannungen, die Knoten und Verhärtungen sind schon so schlimm, dass ein Physiotherapeut meinte, dass das auch nicht mehr wegzukriegen ist. Dabei gehe ich seit Jahren zu Orthopäden, damit die mir helfen, die tun es aber nicht.
Aber immer öfter denke ich, dass ich gar nicht mehr leben möchte, weil es im Leben keinen Platz mehr für mich gibt.
Ich stehe auf einer Warteliste für einen Therapieplatz, inzwischen ziemlich oben, hoffentlich halte ich das noch durch.
Danke dass ihr so schon mal bis hierher gelesen habt.
Es wäre schön, sich hier austauschen und mitteilen zu können. Schön wäre auch Kontakte zu finden zu Leuten, die nicht so weit weg wohnen, um gemeinsam etwas zu unternehmen oder zu sprechen.
Viele Grüße
nachtwald (weil Nachtspaziergänge vor allem im Mondlicht schön sind)

29.12.2015 23:36 • 08.01.2016 #1


9 Antworten ↓


july1986
Hallo nachtwald,

Ich wollte dich erstmal hier herzlich willkommen heißen im Forum und hoffe dass dir der Austausch hier helfen wird und du evtl auch so wie du es dir wünscht neue Kontakte knüpfen kannst .
Ich selber bin auch eigentlich immer an neuen Kontakten interessiert und habe aber zugleich irgendwie auch angst zu versagen, da ich durch meine psychische Erkrankungen oft sehr eingeschränkt bin und mit mir teilweise echt nix anzufangen ist.
Deine Geschichte finde ich wirklich sehr traurig.
Die Angst vorm Versagen habe ich teilweise im laufe der Jahre leider auch entwickelt .
Bei mir bezieht sich neu e angst aber hauptsächlich auch andere Dinge.

Woher kommst du denn eigentlich ?

29.12.2015 23:49 • #2


guteFee
Herzlich Willkommen nachtwald,

eigentlich hast du das selbe Leid erfahren müssen wie ich. Oft erkenne ich Gemeinsamkeiten in so manchen Berichten, aber deine Formulierung hätte bis auf einige Tatsachen von mir sein können!
In der Kindheit fühlte ich mich nie geliebt! Ich war immer nur 3.Wahl. Als Kind, als Jugendliche und später auch als Erwachsene.
Das ist meiner Meinung nach der Grund, dass ich mich jetzt total zurückziehe. Habe Gott sei Dank noch eine Arbeitsstelle, aber auch dort fühle ich mich so wie in meiner Kindheit!
Nur geduldet, als Randfigur! Das ist natürlich die beste Voraussetzungen für ein Mobbingopfer.

Na ja, was ich damit sagen will?
Bei mir war das so, dass man mir schon als Kleinkind das Gefühl gegeben hat, nicht viel wert zu sein! Dieses Gefühl bin ich mein ganzes Leben lang nicht los geworden ( oder nur mal fast)!
Es konnte also wachsen und gedeihen. Wenn mich zwischendurch mal etwas gestärkt hat, reichte
schon eine kleine Äußerung von Irgendjemand, um dieses "Gerüst" wieder zum einstürzen zu bringen!
Ich komme wohl aus dieser "Opferrolle" nicht mehr raus. Obwohl ich weiss, dass es " nur" von mir selbst aus gesteuert wird! ( solange ich es zulasse!)

Genau, mich interessiert es auch, wo Du lebst. Wer weiß, vielleicht sind wir ja Nachbarn und können gleich zusammen einen Spaziergang machen

Liebe Grüße
guteFee

30.12.2015 08:03 • x 1 #3


siri
Hallo nachtwald,

auch ich möchte dich ganz, ganz herzlich hier im Forum willkommen heissen und dir für deine Offenheit danken.
Ich bin mir sicher, dass du hier sehr bald gute Kontakte und einen tollen Austausch finden wirst.
Es ist hier immer Jemand, der ein offenes Ohr für die Ängste und Sorgen anderer hat.
Evtl. ergibt sich ja sogar der ein oder andere private Kontakt dadurch in deiner Nähe.

Viele liebe Grüße

siri

30.12.2015 08:11 • #4


nachtwald
Gerade hatte ich schon einmal einen Entwurf geschrieben und gespeichert, finde ihn aber nicht wieder
Also aufs Neue.

Danke für die lieben Antworten. Ich wohne im Raum PB und würde mich auch sehr freuen, wenn von Euch jemand in erreichbarer Nähe wohnt. Genauere Anschriften tauschen wir über PN aus? Einverstanden?

Ich denke auch, dass zuwenig Liebe als Baby und Kleinkind der Auslöser für solche Probleme sind, die uns plagen. Ich habe mal gelesen, dass ein solches Defizit nie ausgeglichen werden kann. Also zieht man sich entweder sehr zurück, was bei mir im Moment durch die Umstände mit gefördert wird, oder das Leben ist ein großer Kampf gegen die Angst, und viel Energie wird benötigt, um Situationen zu verstehen und zu verarbeiten, Energie, die andere Menschen für Produktives frei haben.

Ich gebe zu, dass ich inzwischen einen Hang zur Bitterkeit und Unfreundlichkeit bemerke, den ich gar nicht gut finde. Die Liebe zu sich selbst kann sich ja auch nicht entfalten ohne Verstärkung von außen, ist meine Erfahrung, und wie soll man andere lieben, wenn man sich selbst nicht liebt.

Andererseits fühle ich doch wiederum sehr viel Liebe in mir, die ich auch gerne weitergeben würde, aber bisher haben nur meine Hunde meine Liebe und die Geborgenheit und Sicherheit, die ich ihnen gebe, zu schätzen gewusst bzw. schätzen sie.

Im Moment bin ich sehr unzufrieden mit mir, finde mich hässlich, nicht liebenswert und die fehlenden KOntakte und Bestärkungen durch andere machen alles nur noch schlimmer. Inzwischen halte ich mich auch nicht mehr für wert, geschätzt zu werden.

So, jetzt gehe ich mit den Hunden und bin schon gespannt auf Antworten von Euch.
LG
nachtwald

30.12.2015 13:46 • #5


july1986
Hallo

Ich kann es kaum glauben das du aus dem Raum pb kommst dort komme ich auch her und habe im übrigen auch einen Hund.
Habe dir auch eine pn geschrieben vielleicht wohnen wir ja näher aneinander als man glaubt

Würde mich freuen über Nachricht von dir

30.12.2015 14:13 • #6


Vergissmeinicht
Hallo nachtwald,

auch ich möchte Dich bei uns hier ganz herzlich Willkommen heißen und auch mich machten Deine Zeilen ein wenig traurig. Die Welt ist voll Menschen und manche vereinsamen regelrecht.

Was hast du beruflich als Selbständiger gemacht?

Das jetzt keiner mehr aus Deinem Verwandtenkreis am Leben ist, macht alles natürlich nicht einfacher.

So wünsche ich Dir hier erstmal ein Ankommen und einen hilfreichen Austausch. Und ja, man muss sich an erster Stelle selber lieben, ohne es mit Narzißmus zu verwechseln.

30.12.2015 21:57 • x 1 #7


nachtwald
Hallo vergissmeinnicht,

Danke Dir für Deine Worte und Dein Mitfühlen!

Als Selbständige habe ich Nachhilfeunterricht gegeben, mehr als 10 Jahre lang. Es war für mich am Anfang schwer, weil ich gerade aus einer Depression raus kam und natürlich auch wieder Angst hatte zu versagen, nicht akzeptiert zu werden. Ein Vorteil meines Lebens: ich habe gelernt solche Situatonen einfach durchzustehen und mich immer wieder daran zu erinnern, dass ich auch etwas Wert bin, zumindest mit dem Verstand, wenn ich es auch nicht fühle.
Mit der Zeit klingen die Ängste ab, und wenn dann die Leistungen der Schüler wirklich besser wurden - und das wurden sie fast immmer - und ich spürte, dass man mir vertraut und viele auch gerne kommen, bin ich richtig aufgelebt.
Es hat mir sogar Freude gemacht, bei höheren Klassen mich in die Abiturthemen einzulesen und Einstiege und Besonderheiten zu suchen, mit denen ich Interesse und Motivation wecken kann.
Diese geistige Beschäftigung und auch die Auseinandersetzung mit den verschiedensten jungen Leuten fehlen mir so sehr.
Manche Schüler - besonders aus schwierigen Verhältnissen - haben mit mir auch oft über persönliche Probleme gesprochen, wahrscheinlich haben sie gefühlt, dass ich so etwas kenne.
Viele kamen auch über mehrere Jahre, um sich begleiten zu lassen.
Aber die Mentalität hat sich sehr geändert in den letzten Jahren.
Es ist jetzt ein bisschen viel, nicht nur die Familie sondern auch den Beruf nicht mehr zu haben.

Liebe Grüße
nachtwald

31.12.2015 13:09 • #8


Vergissmeinicht
Hey nachtwald.

Ja, das kann ich voll und ganz nachvollziehen. Kannst Du in dem Bereich nicht irgendwas noch machen? Nachhilfe wird doch immer gesucht?

01.01.2016 15:04 • #9


Yoomee
Hallo nachtwald,

mit zunehmenden Alter begreift man, das
sehr viele Probleme (Angst- Depression) ihre Wurzeln in der
Vergangenheit haben.

Liebe Grüße

08.01.2016 12:45 • #10




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